Advokat Marschall lag, von fürchterlichen Seelenqualen gepeinigt, schlaflos auf seinem Lager. Er konnte in der Dunkelheit, die in der Kammer herrschte, seine Frau nicht sehen. Aber ihre Atemzüge verrieten ihm, daß auch sie wachte.

»Schläfst du?« fragte er einmal leise.

»Zerquäle dich nicht, mein guter Hermann,« antwortete Frau Marschall mild, »schlaf!«

Da schwieg er und starrte mit weitgeöffneten Augen in die pechschwarze Finsternis hinein.

In dieser Nacht hielt Advokat Marschall Gericht über sich. Und als er das Soll und Haben seiner irdischen Rechnung lange betrachtet und sorgfältig verglichen hatte, blieb trotz eines ansehnlichen Guthabens eine Schuldsumme als Rest. Diese Erkenntnis raubte ihm alle Hoffnung. Und er wußte nunmehr, daß sich in seinem Lebenskelch nur noch eine schale Neige befand.

Endlich ging diese furchtbare Nacht ihrem Ende zu.

Als die ersten Morgenstrahlen Marschall aus seinem kurzen Schlummer weckten, bedeckte kalter Schweiß seinen Körper. Da gedachte er seiner Pflicht, die ihn aufs Rathaus rief. Entschlossen stand er auf und kleidete sich an. Seine leisen Hantierungen weckten seine Frau.

»Wie geht dir's?« fragte er zärtlich und trat an ihr Bett.

Frau Marschall sah ihren alten, treuen Lebensgefährten mit einem Blick voll unaussprechlicher Liebe an.

»Du solltest bis zu Mittag im Bett bleiben,« erwiderte sie. »Tu mir's zuliebe, Hermann!«