Obwohl es erst fünf Uhr morgens war, bot sich dasselbe Bild wie am Abend vorher. In der Rosmaringasse, auf dem Altmarkt und in der Wilsdruffer Gasse wogten starke Menschenmassen, die erregt schrien und Lieder revolutionären Inhalts sangen. Durch die Menge drängten sich Männer, die wahrhaft feierlich nach ihrer Barrikade gingen, als ob es sich um die Vollbringung eines die Menschheit beglückenden Werkes handele. Den Hauptteil der Masse bildeten aber Tagediebe mit wahrhaften Galgengesichtern, denen der friedliche Bürger schon in ruhigen Zeiten gern ausweicht, und die gar nicht daran dachten, ihr kostbares Leben einzusetzen.
Einige dieser Gesellen trugen zu ihrer sonstigen zerfetzten Kleidung einen sorgfältig gearbeiteten, schwarzen Gehrock oder einen glattgebügelten Zylinderhut. Andere brüsteten sich mit goldenen Uhren und kostbaren Ringen oder zeigten ein schweres Stück Silbergeschirr herum. Die Herkunft dieser Gegenstände war Heinrich offenbar; sie waren beim Plündern erbrochener Häuser erbeutet worden.
»Sind das die Freiheitskämpfer,« fragte er sich im stillen, »die das Land glücklich machen sollen und von denen du geträumt hast, als du aus der Kaserne entwichst?«
Da krampfte der junge Mann zähneknirschend die Faust um den Gewehrlauf und hätte dem Erstbesten von diesem Gelichter am liebsten den Kolben vor den Kopf geschlagen.
Plötzlich dachte Heinrich an Valentine. Und er wunderte sich, daß er das Mädchen vorhin im Hause ihrer Eltern nicht gesehen hatte. – Wo war sie? War ihr etwas zugestoßen? Dieser Gedanke beunruhigte ihn. Denn er sorgte sich um alles, was bei Marschalls vorging.
Heinrich beschloß, sich nach Valentine zu erkundigen und dieserhalb auf das Rathaus zu gehen, wo er den Advokaten anzutreffen hoffte. Von ihm konnte er ja auch erfahren, ob die Madam das Trompeterschlößchen wohlbehalten erreicht hatte. Um ihre Pflege war ihm nicht bange. Er wußte, daß Linchen bei der Kranken war.
Am Rathauseingang sperrte eine dichte Kette von Ratsdienern den Zutritt. Als Heinrich den Advokaten Marschall nannte, dem er eine wichtige Nachricht zu überbringen habe, ließ man ihn ungehindert durch.
In dem geräumigen Flur stand eine Anzahl Pulverfässer. Von einigen war der Deckel abgeschlagen, und der Inhalt lag in Haufen auf den Steinfliesen. Etwa ein Dutzend Männer war mit Patronenanfertigen beschäftigt.
Heinrich hatte starke Nerven. Als er aber die Sorglosigkeit sah, mit der diese Männer inmitten der Pulvermassen arbeiteten, und als er gar bemerkte, daß etliche offene Pfeifen und selbst Zigarren rauchten, fühlte er einen Schauer. Schon der Inhalt weniger Fässer würde vollauf genügen, das Rathaus in die Luft zu sprengen.