Da fiel sein Blick durch die offene Tür auf den Hof, wo er in der letzten Nacht geschlafen hatte. Der große Haufen Brote war verschwunden. An seiner Stelle stand jetzt die Ratsspritze, deren gewaltiger Bauch gerade mit Spiritus gefüllt wurde.

Heinrich trat hinzu und erfuhr aus den Reden der Umstehenden, daß noch einmal der Versuch unternommen werden sollte, das Prinzenpalais in Brand zu stecken. Man wollte sich unter dem Schutze der Nacht heranschleichen und durch eingeschlagene Fenster den Spiritus hineinspritzen und brennende Pechkränze hinterdreinwerfen. Ein anderer erzählte von einem Plan, nach dem Freiberger Bergleute das Schloß unterminieren und mit Hilfe allen entbehrlichen Pulvers dem Erdboden gleichmachen wollten.

In der Mitte des Hofes standen wieder Pulverfässer. Daneben hingen über offenen Feuern große eiserne Kessel, in denen Pech gesiedet wurde. Wenn der Wind in die lodernden Holzscheite fuhr, schlugen die Flammen hoch auf, und die knisternden Funken wurden über den Hof und über die offenen Pulverfässer hinweggeweht.

Heinrich faßte sich an die Stirn. War das Wirklichkeit, was er da sah? Oder äffte ihn ein närrischer Traum?

Dort lief zwischen den Feuerstellen der Musikdirektor Röckel herum und stellte die Leute an. Jetzt ging dieser zu den Arbeitern, die lange eiserne Stäbe mit einem Maschinenmesser durchschnitten. Die so gewonnenen kurzen Eisenzylinder hatte Heinrich schon verwenden sehen: sie bildeten die furchtbare Munition für die Burgker Kanonen an der Schloßgassenbarrikade. Hatten denn diese Männer hier alle Besinnung verloren? Ein einziger der umherstiebenden Funken in das Pulver – –

Starrköpfig schritt Heinrich die Rathaustreppe hinauf. Mochte kommen, was wollte. Er ging der Gefahr nicht aus dem Weg! Auf den Barrikaden würde er freilich einen schöneren Tod sterben, als wenn er mit dem Rathaus in die Luft flöge. Nun, lange brauchte er sich hier nicht aufzuhalten, dann wollte er wieder kämpfen. Nur nach Valentine und Frau Marschall mußte er noch fragen.

Das Innere des Rathauses glich dem Hauptquartier einer geschlagenen Armee. Auf den Treppen und Korridoren herrschte ununterbrochenes Laufen und Hasten, und dumpfes Stimmengewirr erfüllte die Luft.

Freischärler mit Gewehren, andere mit Piken, einige sogar mit Sensen eilten hin und her oder standen in lebhaft verhandelnden Gruppen zusammen. Überall Wirrwarr und Aufgeregtheit. Jeder ordnete an, keiner gehorchte.

Männer mit roten Schärpen und den bekannten breiten Hüten, worauf kühn geschwungene Hahnenfedern wippten, an der Seite einen schleppenden Reitersäbel, erteilten mit hochtrabenden Worten und unter herrischen Gebärden Weisungen, denen drei andere gleichzeitig widersprachen. Die Befehle wurden abgeändert, erweitert, eingeschränkt, – jedesmal wiederholte sich der Einspruch der Empfänger. Erneute Änderungen und Gegenbefehle. Bis zuletzt keiner mehr wußte, woran er war. Da wurde alles widerrufen. Die Gruppen gingen entrüstet und schimpfend nach allen Seiten auseinander, und die Rotschärpen suchten sich wichtigtuerisch einen neuen Kreis, wo sich das alte Spiel des langen Schwadronierens wiederholte.

Als Heinrich den großen Rathaussaal betrat, fand er diesen ebenfalls mit Menschen gefüllt. Hier sah er auch noch Kommunalgardisten. Auf die Gasse wagte sich diese Bürgerwehr schon lange nicht mehr, da sie überall tätlich angegriffen wurde.