Dazu weinte sie still in sich hinein.
»Ich weiß es,« antwortete Heinrich dumpf, während ein furchtbarer Zorn in ihm heraufstieg. »Schon von frühester Jugend an,« fuhr er mit zusammengebissenen Zähnen fort, »hat er uns gequält. Wenn er wußte, daß wir eine Freude hatten, so dämpfte er sie. Ja, er brachte uns selbst in frohe Stimmung, um diese bald wieder zu verscheuchen, weil man vor allem in der Lust Maß halten müsse. Wie oft hat er unsern kindlichen Frohsinn nicht grausam in Leid verwandelt. Der Mensch sei nur geschaffen, damit er seine Schuldigkeit tue, war sein immer wiederkehrendes Wort. Pflicht hieß der Knüppel, mit dem er jede heitere Regung in uns niederschlug. Pflicht und immer wieder – Pflicht!«
Der junge Mann sah finster vor sich nieder. Seine starken Fäuste lagen auf dem Tisch. Ihr Zucken verriet die gewaltige Erregung, die den Phlegmatischen durchzitterte.
Da fuhr er auf.
»Verflucht sei die Pflicht, die der unschuldigen Freude den Ausdruck wehrt und das Leben zur Qual macht! Heuchelei und Unnatur ist das, nichts anderes!«
Linchen war erschrocken zusammengezuckt. In solchem Zorn hatte sie den Bruder noch nicht gesehen. Sie neigte sich zu ihm und schmiegte sich zitternd an seine Brust. Diese Bewegung machte den Wütenden ruhiger. Und im plötzlichen Aufwallen seines mitleidigen Herzens preßte er die Zitternde an sich. Er wußte, daß ihr Leben noch ärmer an Freude gewesen war, als das seinige. Seit seiner frühesten Jugend hatte die ältere Schwester Mutterstelle bei ihm vertreten. Während langer Jahre hatte sie keine Liebe genossen, bis er herangewachsen war und sie sich beide fest aneinander geschlossen. Von unscheinbarer Gestalt wie die Mutter und mit einem tiefen Stachel im Herzen, war sie wie die Verstorbene freudlos durchs Leben gegangen.
»Linchen, sei nicht traurig,« sagte Heinrich schmeichelnd und strich der Schwester die Haarsträhnen von den eingefallenen Schläfen zurück. Sie sah ihn an, und ein ganzer Himmel von Liebe brach aus ihren vergrämten Augen, seine Freundlichkeit lohnend.
»Ich habe ja dich, Heinrich,« stammelte sie, unter Tränen lächelnd.
Der junge Mann merkte, wie sich auch seine Augen füllten. Da stand er rasch auf, um Linchen seine Weichheit nicht sehen zu lassen.
Linchen deckte nun schweigsam den Tisch ab, und Heinrich verfolgte in Gedanken versunken mit den Augen ihre Bewegungen. Dann trug sie die Kerze wieder zum Nähtisch und setzte ihre Arbeit fort. Da sagte Heinrich der Schwester gute Nacht und verließ sie.