Diese unvermutete Einladung überraschte Valentine. Als sie gegen Abend den Kranken das Essen gereicht, hatte sie im Eifer nicht daran gedacht, selbst etwas zu genießen. Jetzt verspürte sie Hunger. Sie zauderte einen Augenblick, dann sagte sie zu. Rasch gab sie dem jungen Mädchen noch ein paar Weisungen und schritt alsdann dem Diener hinterdrein.

Der Weißkopf öffnete die Tür weit und ließ Valentine eintreten. In der Mitte des Zimmers brannte jetzt eine Hängelampe, die mattes Licht verbreitete. Der Fremde kam Valentine entgegengeschritten.

»Junge Menschen, die Gutes tun,« sagte er, »unterlassen gern, an sich selbst zu denken. Ich vermutete dies auch bei Ihnen. Deshalb bat ich Sie, mir beim Nachtmahl Gesellschaft zu leisten.«

Valentine war ein wenig verwirrt. Aber die natürliche Freundlichkeit des fremden Herrn half ihr, die Verlegenheit bald zu überwinden.

»Sie haben nicht unrecht,« antwortete sie mit schwachem Lächeln. »Die Verrichtung meiner gegenwärtigen Pflichten ist mir noch zu ungewohnt, daß ich an alles dächte.«

»Der Mensch darf nie auf sich selbst vergessen,« scherzte er. »Sie können Ihren Kranken nur dann gute Dienste leisten, wenn Sie mit Ihrer Kraft richtig haushalten.«

Während der letzten Worte bot der Fremde Valentine den Arm und führte sie zum Tisch. Hier setzte er sich ihr so gegenüber, daß die Lampe in seinem Rücken war.

Während des Essens blieb die Unterhaltung einsilbig. Der Fremde bemerkte des Mädchens Erschöpfung und vermied es, sie zu Antworten anzuregen. Er erzählte, daß er aus Wien hierhergekommen sei, um eine Dresdner Berühmtheit wegen seines Augenleidens zu befragen. Der Arzt habe ihm eine sofortige Operation dringend angeraten, zu der er sich auch entschlossen. Der Eingriff sei geglückt. Heute habe ihm der Arzt gesagt, daß er andernfalls hätte erblinden müssen.

Valentine hörte voll Teilnahme zu und beglückwünschte den Fremden zu dem Erfolg und lobte seinen raschen Entschluß.