»Vorsicht ist eine gute Eigenschaft,« sagte der Fremde, »aber beherzt sein, ist viel besser, – oft alles! Sie haben sicherlich auch nicht lange geschwankt, bevor Sie sich zu Ihrem gegenwärtigen Beruf entschlossen.«
Valentine errötete.
»Nein, ich hatte keine Zeit, mich lange zu besinnen,« entgegnete sie. »Wer erst einmal zaudert, kommt meist zu spät zur Ausführung.«
Der Fremde pflichtete diesen Worten lebhaft bei.
Hierauf stockte die Unterhaltung von neuem. Zerstreut hörte Valentine auf die ruhigen Worte des Fremden. Ihre Gedanken waren anderswo. Sie schweiften wieder zu den Eltern, zu ihren Kranken und zu den Todesmatten in den Vorderzimmern des Hotels, die jetzt in bleiernem Schlafe von den furchtbaren Anstrengungen der letzten Tage ausruhten und die Schrecken des Kampfes auf ein paar Stunden vergessen hatten.
Da hob der Fremde seinen geschliffenen Kelch, gefüllt mit rotem Burgunder.
»Auf daß meine Tischgenossin am heutigen Abend Befriedigung an ihrem schweren Beruf finden möge – und daß die Ereignisse ihre Hilfe bald wieder entbehrlich machen möchten.«
Valentinens Gesicht war während der letzten Worte bleich geworden. Ihre harten Züge erschienen wie gemeißelt. Sie neigte die Stirn und warf dem Fremden einen Blick voll Dankbarkeit zu.
Dann ergriff auch sie ihr Glas und sprach:
»Dem Wohltäter meiner Schutzbefohlenen!«