Dabei zitterte ihre Hand so stark, daß der Wein über den Rand des Glases hinaustrat und ein paar Tropfen wie leuchtende Rubinen auf das Tischtuch herabfielen.

Jetzt räumte der Kammerdiener das Geschirr ab, und der Fremde lud Valentine ein, sich mit ihm an den Kamin zu setzen, in dessen hoher Wölbung die Buchenscheite flammten und knisterten. Dann brannte er sich eine dunkle Virginiazigarre an, die ihm der Weißkopf gereicht, schlug die Knie übereinander und lehnte sich in den bequemen Stuhl zurück.

»Über den deutschen Ländern schwebt gegenwärtig ein Verhängnis,« begann er, den Rauch in einem wagerechten Strahl von sich blasend. »Die Luft ist mit dem Geruch frischen Bluts angefüllt und die heiligen Altäre des Volks sind verbrannt oder in Trümmer zerschlagen. Wie lange diese Verwirrung anhalten mag, ist heute noch nicht abzusehen. Wenn die entflammten Gemüter erst wieder ruhig geworden sind, wird sich ein Alp auf vieler Brust legen.«

Hier schwieg der Fremde eine Weile. Endlich sprach er weiter:

»Neben vielem materiellen Gut sind auch hohe sittliche Werte zerstört worden. Man wird diesen Schaden noch mit Bangigkeit abschätzen und erkennen, daß es eiserner Beharrlichkeit bedarf, wieder aufzurichten, was man mit einem Handstreich stürzte. Aber die Zeit der schmerzlichen Betrachtung ist noch nicht da; noch spotten ja die Gewalten jeder Fessel. Wo aber nichts anderes geschieht, als den aufbäumenden Volkswillen niederwerfen und festschnüren, entsteht bloß neue Verbitterung. Der Unterliegende beugt widerwillig den trotzigen Nacken. Die Tore des Herzens öffnen sich aber nur dem großmütigen Sieger!«

Der Fremde machte von neuem eine Pause und hüllte sich in eine Rauchwolke. Valentinens Augen hingen an seinem Mund. Jetzt fuhr er wie im Selbstgespräch fort:

»Es ist nicht das erstemal, daß ich mich in dem Hexenkessel der Empörung befinde. Noch sind nur wenige Monate verflossen, als ich in Wien Augenzeuge der Schrecken des Volksaufruhrs gewesen bin, – freilich nicht als friedlich Außenstehender wie heute. Zu der unmittelbaren Umgebung des Grafen Latour gehörend, beobachtete ich, wie die Männer des Zentralausschusses und die knabenhaften Doktrinäre der akademischen Legion um die Konstitution feilschten, sah den bestialisch zugerichteten Leichnam dieses unerschrockenen Mannes an einen Laternenpfahl aufknüpfen und kämpfte in der Leopoldstadt mit den Truppen Windischgrätz. Die Erstürmung jeden Hauses glich einer Schlacht. Die mit bewunderungswürdigem Heldentum kämpfenden Verteidiger wurden von den aufs äußerste erbitterten Soldaten blind niedergemacht. Es war ein Gemetzel ohnegleichen!«

Der Fremde brach kurz ab. Valentine bemerkte den tiefen Eindruck, den die lebhafte Erinnerung auf den Erzähler machte. In seinem ernsten Gesicht zuckte es verstohlen, und die vom Feuer abgewendeten Augen waren halb geschlossen.

»Und was war die Ursache dieser Menschenschlächterei?« hob er mit halblauter Stimme wieder an, – »das Volk verlangte Freiheiten und verbriefte Rechte darauf. Jeder unparteiisch Urteilende mußte eine Änderung der Verhältnisse gutheißen. Nur Starrköpfe waren es, die jede Konzession ablehnten.

Aber das Volk verscherzte sich selbst die Zuneigung der Billigdenkenden unter den Vertretern der staatlichen Autorität! Waren anfangs seine Forderungen gerecht, so wuchsen sie bald ins Maßlose. Jedes Zugeständnis stachelte die Begehrlichkeit an, und selbst die Besonnenen verstiegen sich zu unerfüllbarem Verlangen. Nachgiebigkeit wurde als Schuldbewußtsein betrachtet, Wohlwollen als Schwäche. – Sie hätten fürs erste das Wenige nehmen sollen, das man ihnen bot.«