Der Fremde machte eine unwillige Handbewegung.
»Und nun wiederholte sich das alte Schauspiel, das aber, solange es Menschen gibt, immer wieder von neuem seine Auferstehung feiern wird: während die ehrenhaften Elemente noch schwankten, kamen die Dilettanten des Lebens, die Stümper, und vergifteten das letzte, was noch gesund geblieben war. Der massive Unverstand drängte die ehrlichen, wenn auch in traumhafte Wünsche verlorenen Führer beiseite. Der Pöbel gewann die Oberhand. Und damit ist noch immer der Kampf der Geister erdrosselt worden. Das schonungslose Ringen der blindwütigen Gewalten trat an seine Stelle. – So war es in Wien, und so ist es jetzt hier!«
Da richtete sich Valentine aus ihrer zusammengesunkenen Haltung auf. Eine helle Röte färbte ihre bleichen Wangen, und ihre Augen leuchteten in seltsamem Glanz. Und während sie sprach, fielen von den Wimpern Tränen in ihren Schoß.
»Um wieviel besser,« begann sie mit unsäglicher Bitterkeit, »waren an der Donau die Fordernden daran, wenn man ihnen wenig bot. Hier bot man ihnen nichts! Nur Tröstungen auf später! Seit dreißig Jahren erfüllt aller Herzen das unstillbare Sehnen nach einem geeinten deutschen Vaterland. Der Schmerz über die Zerrissenheit der deutschen Stämme bereitet selbst dem einfachen Mann tiefes Weh, und Schamröte färbt sein Gesicht, wenn er vernimmt, wie andere Völker mit unserer Uneinigkeit Spott treiben. Die hundertmal wiederholten Bitten des Volks fanden keine Erhörung! Auf wessen Seite liegt nun die Schuld, wenn nach allem fruchtlosen Mühen der Bürger zur Waffe greift und sein Zorn sich gegen die richtet, die aus Bangnis um ihre Vorherrschaft im Staat sich einem Wandel widersetzen? Den innern Frieden des Volks zu wahren und zu fördern, ist die heilige Pflicht der Obrigkeit. Warum verschließen die Regierenden den maßvollen Wünschen ihr Ohr? Warum weigern sich die Könige, die Reichsverfassung anzuerkennen? Die Männer, die in der Paulskirche in Frankfurt das schwere Werk schufen, sind die Besten des deutschen Volks, und ihre Beweggründe sind rein und selbstlos!«
Valentine hatte mit edler Wärme gesprochen. Ihre Stimme besaß einen metallischen Klang, und das Beben der Lippen verriet ihre tiefe Bewegung. Jetzt lehnte sie sich zurück und sah regungslos und mit weitgeöffneten Augen in die Flammen.
Der Fremde betrachtete das Mädchen verstohlen. Endlich erwiderte er:
»Die Entwicklung der inneren politischen Zustände des deutschen Volks seit den Freiheitskriegen hat die Hoffnungen nicht erfüllt, mit denen man nach Beendigung jener großen Tage dem Morgenrot einer neuen Zeit entgegenjubelte. Große Umwälzungen in der Geschichte der Deutschen haben sich immer langsam vollzogen. Unser Volkstum gleicht einem knorrigen Eichbaum, der nur widerstrebend das hergibt, was er besitzt. Und um seine Krone stattlich zu entfalten, bedarf es langer Jahre, währenddessen schwere Stürme über ihn hinbrausen und bis ins Innerste erschüttern. Aber sein Stamm ist fest und sein Mark gesund. Die Ungunst der äußeren Gewalten kann sein Wachstum wohl für eine Zeit hemmen, sie vermögen aber nicht, den Baum zu entwurzeln.«
Hier wich der Fremde von dieser Betrachtung ab und fuhr unvermittelt fort:
»Bei aller Anerkennung der Ideale, um derentwillen die Waffen jetzt erhoben worden sind, gilt dieser Kampf doch nur einer von vornherein aussichtslosen Sache. Denn es ist Wahnwitz, wenn die Sachsen ihren König zwingen wollen, die Reichsverfassung anzuerkennen, solange Preußen damit zögert. Überhaupt dieses Wort: Reichsverfassung! Es ist zum Schlagwort der Masse geworden, zum Zuckerbrot, mit dem die Führer sie gelockt, und zur Geißel, mit der man sie ausgepeitscht hat. Die bürgerlichen Kräfte reichten zu einer machtvollen Erhebung nicht aus, deshalb kam die Hilfe der Menge gelegen. Zu derselben Stunde aber, in der der große Haufe aufstand, verloren die Verständigen die Führung, und die schrankenlose Willkür entriß ihnen die Zügel. Es war nicht mehr die Sache der Gasse, sondern der Gosse. Jetzt denkt man gar nicht mehr an jene maßvollen Forderungen. Ein verheerender Sturm ist losgebrochen! Der Pöbel herrscht, und der Kampf gilt dem Umsturz!«
Valentine schwieg und blickte wie geistlos in das Feuer. Sie atmete schwer. Die züngelnden Flammen erschienen ihr wie verzerrte Fratzen, die sie mit höhnischem Lächeln ansahen und ihre blutigroten Arme nach ihr ausstreckten.