Da trat der Fremde an ihre Seite und legte ihr teilnehmend die Hand auf die Schulter.
»Mein liebes Fräulein,« sagte er in väterlichem Tone, »Sie sind ein Kind des Landes, und seine Not geht Ihnen zu Herzen. Aber Sie sollen Tröstung in Ihrem Wirken finden, das ihnen Gelegenheit gibt, die Wunden zu heilen, die dieser ruchlose Aufstand geschlagen. Wohltun und Barmherzigkeit üben, sind die edelsten Vorrechte des Weibes. Das tiefe Leid, das Ihre Seele erfüllt, wird durch das erhebende Bewußtsein gemildert werden, nichts gemein zu haben mit denen, die so lange geschürt, bis das Elend und der Jammer hereinbrachen.«
Das blasse Gesicht Valentinens wurde bei diesen Worten marmorweiß, und ihre Augen schlossen sich. Eine Weile verharrte sie unbeweglich, während der Fremde mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab ging. Dann erhob sie sich mit Anstrengung, murmelte ein paar Dankesworte für die genossene Gastfreundschaft und verließ das Zimmer.
Fünfzehntes Kapitel
Im Hotel herrschte lautlose Stille. Mit eiserner Beherrschung erfüllte Valentine bei ihren Kranken noch die letzten Verrichtungen für die Nacht. Dann wies sie die Magd an, sich zur Ruhe zu begeben. Das junge Mädchen mit dem blassen, schmalen Gesicht und den großen, stillen Augen beharrte jedoch darauf, die Nacht im Lehnstuhl inmitten der Kranken zu verbringen und bat sie, sich selbst auszuruhen. Da ging Valentine in das von dem Fremden überlassene Nebenzimmer und legte sich unausgekleidet auf ein Bett.
In derselben Nacht, in der in dem kleinen Bürgerhaus auf der Brüdergasse, worin jahrzehntelang ohn' Unterlaß der köstlichste Frieden treu gehegt worden war, die beiden alten Leute von furchtbaren Seelenqualen gepeinigt keinen Schlaf fanden, wachte ihr Kind an einer der Stätten dem Morgen entgegen, wo während des Tages der blutige Kampf am erbittertsten getobt hatte.