Die Rede des Fremden hallte Valentine unaufhörlich im Ohre wider, und die fürchterliche Wahrheit seiner Worte grub sich ihr tief ins Herz. Wesenlose Schattengestalten stiegen in der Dunkelheit vor ihren Augen herauf, umwandelten gespenstisch ihr Lager und setzten sich zu ihr auf das Bett. Das sind die unerbittlichen Geister der Zwietracht und des Hasses, hörte Valentine eine Stimme sagen, die auch du hast beschwören helfen.
Und sie dachte an ihre glückliche Kindheit, an ihren geliebten Vater, der, wie sie jetzt wußte, aus seinem Traum, die Menschheit zu beglücken, verhängnisvoll erwacht war, und an die stille Mutter, die bei diesem allen unsäglich litt.
Grenzenlose Traurigkeit zog in des Mädchens Herz und lähmte ihr die Kraft, zu wollen und zu hoffen. Wie sah doch jetzt alles ganz anders aus! Eine einmütige Kundgebung gegen die Weigerung der Regierung, ein flammender Protest des ganzen Landes, der den Ernst des Volkswillens offenbarte, hätte das Äußerste sein dürfen, wozu ein wirklicher Freund des Volkes raten konnte. Was darüber hinaus geschehen, war schreckenvoll!
Valentinens scharfer Verstand erkannte jetzt deutlich, daß der Fremde recht hatte. Das Wort Reichsverfassung hatte als schmetternde Fanfare gedient, bestimmt, das Volk in die Höhe zu reißen, als Losung, um den schon lange im Lande weilenden, aber noch gefesselten Geist der Empörung mit einem Schlage zu befreien. Der Aufstand war eine Machtprobe! Die Regierung sollte erfahren, daß man sie zu allem zwingen könne.
Und selbst wenn diese Probe gelang, was war ihr Erfolg? Sollte der König, sofern er bei seiner Weigerung blieb, zur Abdankung gezwungen und die Republik ausgerufen werden? – Nein! An dem monarchischen Grundpfeiler des sächsischen Staates hatte wohl kaum einer der Führer, die am Anfang an der Spitze der Bewegung standen, rütteln wollen!
Valentine stöhnte auf unter einer zermalmenden Schuld. Auch sie hatte den Kampf herbeigesehnt, sie – ein Weib! Wie jene gutgesinnten, lebensreifen Männer, hatte die Bewegung auch sie mit fortgerissen. Die sonst nicht leicht für eine gemeinsame Idee zu sammelnden Sachsen – hier, wo es der Verwirklichung einer der großen Sehnsuchten des deutschen Volkes galt, – hatten sich alle einmütig zusammengefunden. Nur war das Land, in das sie ihre Blicke mit heißem Verlangen richteten, ein Traumland – – –
Aber die nüchterne Wirklichkeit ist unduldsam gegen die Träger nationaler Hochziele, wenn sie eine gewaltsame Änderung der Machtverhältnisse im Lande herbeiführen wollen. Der graue Alltag haßt die leuchtenden Farben am Himmel der Idealisten und nennt diese Schwärmer.
Auch an die Männer dachte Valentine, die ihr Leben freudig einsetzten und die kaum verstanden, wie rechtlos der Kampf war. Und wieder trat das reine Bild des Vaters vor ihr Auge. Ein furchtbarer Alp legte sich auf sie. Und sie hörte eine Stimme aus der Tiefe ihres starken Herzens heraufschallen: seine Schuld!
Da schrie das Mädchen in namenlosem Weh auf. Ihre Lippen bewegten sich, als ob sie bete, und ihre Augen suchten angstvoll nach einer Tröstung.
So hatte Valentine bis gegen Mitternacht gelegen. Da hörte sie, wie im Nebenzimmer ein Kranker wiederholt um einen Trunk Wasser bat. Entschlossen riß sie sich aus ihren qualvollen Träumen, sprang vom Bett auf und machte eine Bewegung, als wenn sie alle Schwäche von sich abwerfen wolle.