Sie ging in die Krankenstube und sah die junge Magd in tiefem Schlaf. Da reichte sie dem Fiebernden das Glas und ordnete mit liebevoller Schonung sein Lager. Dann setzte sie sich auf den Holzstuhl zur Seite des schlafenden Mädchens und horchte gespannt auf die Atemzüge der Kranken.
Als die ersten Schimmer des jungen Tages hereinbrachen, wurden die Schläfer im Hotel Stadt Rom wach. Das Schweigen der Nacht zog auf den Flügeln der scheidenden Finsternis von dannen, und dumpfes Stimmengewirr und Poltern hob an, denen alsbald Waffenlärm und das Getöse des Gewehrfeuers folgten. Um die vierte Stunde rollte mit dem letzten Glockenschlag der Frauenkirche wieder der erste Schuß durch die feierliche Stille des Sonntagmorgens.
Auf den im Frührot schimmernden und von der heraufsteigenden Sonne golden gefärbten Dächern der Häuser am Neumarkt saßen die Amseln und pfiffen unermüdlich in die neu erwachte Frühlingspracht hinein. Beim Krachen der ersten Schüsse aber schwiegen die munteren Sänger und flogen erschreckt davon, dem Menschen die entweihte Stätte des Friedens überlassend.
Valentine hatte die Betten aus den Zimmern des Fremden in das neue Krankenzimmer bringen lassen. Es währte auch nicht lange, bis wieder Verwundete ihre Hilfe suchten. Doch waren es zum Glück nur leichte Verletzungen, die von Streifschüssen oder von ermatteten Kugeln herrührten. Als aber am Brühlschen Palais ein Geschütz auffuhr und seine Geschosse dröhnend in das Mauerwerk des Hotels einschlugen, wurden auch Schwerverwundete hereingetragen.
Deshalb atmete Valentine auf, als der junge Arzt wieder erschien, der bereits am Abend vorher die Kranken besucht hatte. Er sah todmüde aus, als wenn er während der ganzen Nacht kein Auge zugetan hätte. Rasch legte er die nötigen Verbände an und bezeichnete die Kranken, die er im Laufe des Vormittags nach der Klinik bringen lassen würde.
Nachdem er gegangen war, widmete sich Valentine wieder ihren Pflegebefohlenen. Unermüdlich ging sie von einem zum andern, reichte den Begehrenden Nahrung und versuchte, den Schwerleidenden ihre Qualen mit tröstenden Worten zu erleichtern. In ihrem Herzen hatte sich alle Weichheit befreit, und ein unendliches Mitgefühl für ihre Kranken war in dem Mädchen erwacht.
Von den Vorderzimmern tönte unausgesetzt das Krachen der Gewehre herein. Valentine sah, welche Pein der Lärm manchem Verletzten bereitete. Und es tat ihr weh, daß sie die Schwerleidenden nicht davor bewahren konnte.
Da deutete die Magd nach der Tür, und als sie hinsah, bemerkte sie den weißhaarigen Kopf des Dieners in dem Spalt.
»Mein Herr läßt noch einmal bitten,« flüsterte der Alte.
Als Valentine in das Zimmer des Fremden trat, saß dieser mit dem grünen Schirm über den Augen vor einem geöffneten Koffer. Um ihn herum standen Reisekörbe, und den Fußboden und die Stühle bedeckten Kleider und allerhand Gegenstände.