Als sie auf dem Korridor ein paar Schritte getan hatte, fühlte sie eine Schwächeanwandlung, die sie zwang, stehen zu bleiben. Da regte sich der Trotz in ihr, und sie ging mit erhobenem Haupte weiter.

Vor der offen stehenden Tür eines der Vorderzimmer stockte ihr Fuß unwillkürlich, und sie mußte hineinschauen. Es war mit Verteidigern gefüllt, die in fiebernder Ungeduld nach den Fenstern drängten. Wenn einer der Schützen zurücktrat, entspann sich jedesmal ein Streit um den freigewordenen Platz. Das Krachen der Schüsse wurde von den Wänden zurückgeworfen und erfüllte das Zimmer mit betäubendem Lärm.

Unter den Verteidigern befanden sich Jünglinge, Männer und Greise. Die meisten standen wohl im Alter zwischen dreißig und vierzig. Welche unter ihnen beobachteten eifrig die Wirkung der Schüsse und brachen in lauten Triumph aus, wenn sie einen Treffer melden konnten. Andere befanden sich in leidenschaftlicher Aufregung und gaben ihren Unmut durch heftige Worte und Gebärden kund, wenn sie während einer längeren Zeit nicht zum Schießen kamen. Wieder andere standen beiseite, luden sorgfältig und warteten geduldig, bis sie ans Fenster treten konnten. Einigen der Männer sah es Valentine an Kleid und Haltung an, daß sie höheren Gesellschaftsschichten angehörten. Ausnahmslos leuchtete aus aller Augen Kampfeslust.

Plötzlich brach in der Mitte des Zimmers einer der Schützen lautlos zusammen. Die Umstehenden sprangen hinzu und richteten ihn auf. Auch Valentine war unbewußt zu dem Verwundeten geeilt. Rasch wurde ihm die Weste aufgeknöpft und das blutige Hemd beiseite geschoben, – seine linke Brust war von einer Kugel durchbohrt. Das Herz hatte schon aufgehört zu schlagen. Da legten ihn die Männer schweigend im Hintergrund des Zimmers längs der Wand nieder. Es lohnte nicht, sich weiter um ihn zu kümmern! Schwankenden Schritts ging Valentine auf den Korridor zurück.

Vor dem Krankenzimmer stand ein Mann in einem hellen Anzug, das Gewehr am Riemen über die Schulter gehängt. Wie Valentine ihn in dem Halbdunkel stehen sah, tat sie unwillkürlich einen tiefen Atemzug. Diese Gestalt und dieser Anzug – – – Beides war ihr bekannt, obwohl es nicht zueinander zu gehören schien.

»Heinrich,« entfuhr es ihr im Näherkommen.

Nun erkannte sie ihn; es war Heinrich. Mit einem verlegenen Lächeln, wie es ihm auf dem Gesicht zu stehen pflegte, wenn er in seiner Schwerfälligkeit nicht die rechten Worte fand, kam er heran.

Mechanisch trat Valentine einen Schritt zurück, und ihr Auge streifte den grauen Anzug. Wie ein Blitz kam ihr die Erkenntnis, daß es der Zivilanzug des Leutnants Allmer war. Er hatte ihn bei seinem letzten Besuch getragen.

»Wie kommst du denn hierher, Heinrich?« fragte jetzt Valentine wieder gefaßt. »Und in dieser sonderbaren Verkleidung?«

Heinrich machte eine unbeholfene Bewegung.