Heinrichs Mutter war als Mädchen bei Marschalls Näherin gewesen und ihnen auch noch dann treu geblieben, nachdem sie Mißbach geheiratet hatte. Marschalls hatten die stille Frau lieb gehabt und ihr viele Wohltaten erwiesen. Es war ihnen bekannt, daß sie an der Seite ihres polternden und jähzornigen Gatten furchtbar litt. Die liebevollen Menschen bewunderten die Seelengröße des einfachen Weibes, mit der sie ihr schweres Geschick ergeben trug. Nie kam eine Klage von ihren Lippen, und Tröstungen, die man ihr zusprach, wies sie sanft zurück.

Linchen begleitete als kleines Kind die Mutter an ihren Nähtagen regelmäßig in das Marschallsche Haus. Später tat es Heinrich. Dort verlebten beide die glücklichsten Stunden ihrer Kindheit. Vor dem wetternden Vater daheim fürchteten sie sich. In dem alten, dunkeln Hause des Advokaten dagegen ging ihnen das Herz auf. Hier waltete köstlicher Frieden. Und die nach dem Hofe gelegene, hoch gewölbte Galerie, die breiten Treppen mit den angetretenen Sandsteinstufen und die vielen heimlichen Schlupfwinkel boten ihren Spielen und ihrer kindlichen Phantasie einen unerschöpflichen Anreiz.

Als Linchen zehn Jahr alt geworden war, durfte sie die Mutter nicht mehr begleiten. Daheim lag ein großköpfiger, starker Junge in der Wiege, der die kleinen, dicken Fäuste verlangend nach seiner jungen Pflegerin ausstreckte. Dieses Brüderchen war das getreue Abbild des Vaters, was dem Gestrengen nicht wenig schmeichelte. Und er gelobte sich, den Jungen zu einem tüchtigen Soldaten zu erziehen.

Das Würmchen lag noch in den Windeln, als Feldwebel Mißbach mit der Erziehung auch schon begann. Nun ist es allerorts sattsam bekannt, daß die Kinder, besonders im zartesten Alter, gegen die erziehlichen Einwirkungen der Eltern entschiedene Abneigung besitzen. Auch der kleine Heinrich betrachtete die hierauf gerichteten Bemühungen seines Vaters recht argwöhnisch. Der heimliche Zwist zwischen Vater und Sohn trat etwa um die Zeit offen zutage, als Heinrich die ersten Gehversuche machte. Vater Mißbach hatte einen harten Kopf, aber auch der seines Söhnchens war nicht von Pappe. Bedauerlicherweise schien diese Tugend die einzige zu sein, die sie gemeinsam besaßen.

Noch guckte dem kleinen Heinrich das weiße Zipfelchen fürwitzig aus dem Hosenschlitz, als er schon seine festen Grundsätze hatte. Und er fand es recht störend, daß der Vater immer anders wollte, als er. Dennoch verfolgte er seine Eingebungen mit äußerster Zähigkeit.

Gegen die wie Graupelwetter auf ihn niederfallenden Belehrungen zeigte Heinrich offene Geringschätzung, und die väterlichen Liebkosungen waren ihm unbequem. Heinrich offenbarte keine Anlage, jemals ein rücksichtsloser Draufgänger zu werden, wie es sein Vater war. Im Gegensatz zu diesem faßte er seine Entschlüsse langsam, und sein Handeln war träge. Aber in dem beharrlichen Festhalten an seinen Vorsätzen und in der skrupellosen Verachtung des Eindrucks, den seine Willensäußerungen machten, war er dem Vater überlegen.

So bestand schon frühzeitig eine Spannung zwischen Vater und Sohn, deren Ursache ihre gänzlich verschiedenen Charaktereigenschaften bildeten und welche von Tag zu Tag durch eine Erziehung verschärft wurde, die zwar das Beste des Kindes wollte, aber doch verkehrt war. Und als eines Tages der Dreikäsehoch der väterlichen Erziehungskunst rücksichtslos eine scharfe Abfuhr erteilte, war der Bruch fertig. Dem Feldwebel Mißbach trat endlich die Galle ins Blut. Mit fester Faust hob er den jungen Verächter seiner weisen Lehren an der Jacke hoch in die Luft und hielt ihm mit der Säbelscheide eine aufs knappste zusammengedrängte Vorlesung über die Pflichten eines braven Kindes – die übliche letzte Zuflucht, wenn sich die rednerische Begabung als zu kümmerlich erweist.

Der kleine Heinrich quittierte dieses Höchstmaß aller bisher empfangenen Prügel mit weithin vernehmlichem Einspruch. Und der Zufall fügte es, daß sich diese familiäre Auseinandersetzung an einem schönen Sonntagvormittag mitten auf dem Kasernenhof abspielte. Ihre Lebhaftigkeit rief die Soldaten aller Kompagnien an die Fenster, so daß die Exekution sozusagen vor versammelter Mannschaft vollzogen wurde.

Seit diesem Tage lebten Vater und Sohn in offener Feindschaft.