Wenn Mißbach die feinen Regungen der Seele seines Kindes verstanden hätte, würde er entdeckt haben, daß Heinrich nur mit Hilfe eines Mittels zu erziehen war: mit Liebe. Hätte der Knabe diese genossen, wäre er leichter als viele andere Kinder zu zügeln gewesen. So aber begleiteten ihn auf seinem Lebenswege Strenge und Grausamkeit. Das Kind mit der fein empfindenden Seele wurde widerspenstig und störrisch, wie es das Los verprügelter Kinder ist.

Der geringe Rest von Liebe zu seinem Vater verschwand spurlos aus dem Herzen des heranwachsenden Knaben, als er die unzähligen feinen Nadelstiche empfand, die der Vater ihm schonungslos – aus erzieherischer Notwendigkeit, wie er meinte – zufügte. Da erstarrte die kindliche Seele allmählich. Am schwersten freilich litt das blutende Mutterherz. Bis es den Gram nicht länger tragen konnte und aufhörte zu schlagen. –

Die Hauptstraße hinabschreitend, hatte Heinrich seine frühe Jugend wieder einmal an seinem Geiste vorüberziehen lassen. Bei ihr verweilten seine Gedanken ungern. Danach aber kamen herrliche Jahre, eine Zeit, um derentwillen ihm das Leben erst wertvoll erschienen war. Es war sein Aufenthalt im Marschallschen Hause.

Nachdem Heinrich die Garnisonschule verlassen, willigte der Vater auf Marschalls Zureden darein, daß sein Sohn den geschätzten Beruf eines Advokatenschreibers einschlug. So kam Heinrich zu seinen Wohltätern.

Advokat Marschall hatte noch nie einen so anstelligen und gelehrigen Schreiberlehrling besessen, wie Heinrich es war. Seine Handschrift war wie in Stahl gestochen, und die Schleifen der Buchstaben waren so überaus zierlich und wohlgerundet, daß jedermann seine Freude daran hatte. Bald schrieb er alle notariellen Verhandlungen und feierlichen Urkunden. Und wenn der Herr Kanzleivorsteher an den hohen Aktenständern vorüberging, liebäugelte er mit den klaren, wohlgefälligen Aufschriften auf den Aktenschwänzen und nannte Heinrich im stillen eine wertvolle Kraft der Kanzlei.

Aber auch in andern Dingen verstand es Heinrich vortrefflich, sich in die Gunst seines Brotherrn zu setzen.

Frau Marschall war eine gutherzige Dame, die das Vertrauen des verschlossenen Jungen im Fluge gewonnen hatte. Sie kannte die Qualen, die er unter der Erziehung seines Vaters erlitten, und ihr weibliches Empfinden ließ sie ahnen, wie sehr sich Heinrich seit dem Tode seiner Mutter nach Liebe gesehnt. Deshalb war sie mild und gütig zu ihm und sorgte für sein Wohlbefinden wie für das ihres eigenen Kindes.

Heinrich erkannte ihre Zuneigung mit unsäglicher Freude, und das übervolle Herz des Knaben hängte sich an seine Wohltäterin. Er verehrte Frau Marschall aus tiefster Seele. Wo er sich ihr dienstbar erweisen konnte, tat er's, und seine unbeholfenen Bemühungen für die grenzenlos verehrte Frau fanden zuweilen einen rührenden Ausdruck.

Der junge Schreiberlehrling begnügte sich aber nicht allein mit seiner Tätigkeit in der Advokaturkanzlei.

Wenn Heinrich nach Schluß der Schreibstube in der Küche sein Abendbrot verzehrt hatte, machte er sich überall nützlich. Mit Hammer und Zange strich er wie ein guter Geist durch die Räume des alten Hauses, klopfte hier und da einen locker gewordenen Nagel fest, brachte geschickt schwer zu schließende Türschlösser in Ordnung, wachte darüber, daß die leeren Waschfässer nicht eintrockneten und erwarb sich die volle Gunst der alten Köchin durch allerlei Handreichungen. Kein schiefhängendes Rouleau entging seinem spähenden Blick, und die Türen getrauten sich kaum noch, leise zu knarren. Sogleich erschien Heinrich mit seinem Fläschchen und kitzelte mit dem öligen Federbart ihre trocken gewordenen Angeln.