Besuchte Frau Marschall das Königliche Hoftheater, so ging Heinrich mit gravitätischen Schritten hinterdrein und trug den großen Operngucker. War die Vorstellung zu Ende, so wartete er schon wieder unter einem bestimmten Baum am Zwingerwall und hing seiner Herrin das schottische Umschlagetuch zum Schutz gegen die Abendkühle sorgfältig über die Schultern. Zu Hause angekommen, schloß er die Tür auf, zündete die am Fuß der Treppe zurechtgestellte Kerze an und leuchtete der Madam vorauf.

Bevor er aber seine Bodenkammer aufsuchte, ging er in die Küche, briet über der Öllampe gewissenhaft kleine Speckstückchen lecker, als Nachtschmaus für seine kleinen Freunde, die Mäuse, die er mit einer engelsfrommen, nicht müde zu machenden Beharrlichkeit bekriegte.

Sobald dann am nächsten Morgen das liebliche Geräusch der Kaffeemühle an sein feines Ohr drang, stand er hurtig auf und huschte im schlichten Nachtgewand und auf bloßen Füßen zu den Mausefallen. Und wenn er ein unglückliches Opfer darin entdeckte, spiegelte sich in seinem Auge ungeheuchelte Freude.

Mit diesen vielseitigen Talenten machte sich Heinrich im Marschallschen Hause geradezu unentbehrlich. Überall verspürte man sein stilles Walten. War etwas verlegt, so forderte man seine Hilfe; er fand es. Auf dem Boden wußte er unter den alten weggestellten Geräten ebensogut Bescheid, wie im Keller unter den Einmachetöpfen, Kartoffeln und Kohlen. – Heinrich war der Liebling des Hauses.

Die kleine Valentine, Marschalls einziges Kind, war ihm besonders zugetan. Bereits in früheren Jahren, als er die Mutter an ihren Nähtagen zu Marschalls begleitete, hatte er mit dem um wenige Jahre jüngeren Mädchen herzliche Freundschaft geschlossen. Keine von Valentinens Gespielinnen verstand es so gut, mit Puppen umzugehen, wie Heinrich. Seine Phantasie war unerschöpflich im Erfinden neuer Spiele. Jeden Tag sorgte er für Abwechslung. Und seine Geduld und Nachsicht, die das kleine, herrische Wesen manchmal arg herausforderte, kannten keine Grenzen. –

Von diesen freundlichen Erinnerungen begleitet, hatte Heinrich den Weg zurückgelegt und die Schloßgasse erreicht. Nun bog er in die kleine Brüdergasse ein und betrat das Marschallsche Haus. Schon auf der Treppe drang ihm ein süßer Duft entgegen. In der Küche stand vor dem Herd die Köchin und rührte mit einem langen Holzlöffel emsig den Inhalt eines großen, eisernen Topfes durcheinander.

»Du kommst wie gerufen,« sagte Frau Marschall, als sie ihn bemerkte. »Valentine, gib dem Heinrich erst mal eine tüchtige Käsebemme, dann mag er weiterrühren. Ich habe noch ein paar Metzen Pflaumen bekommen,« setzte sie zur Erklärung für ihn hinzu.

Mit diesen Worten war Frau Marschall aus der Küche gegangen, als sie noch einmal zurückkam.