Über sie hinweg sprang jetzt Heinrich, den vordersten Soldaten blitzschnell mit dem Kolben niederschlagend. Ein zweiter wuchtiger Hieb, und der nächste flog mit eingestoßener Brust seinen Kameraden in die Arme. Durch die Kraft des Streiches brach der Kolbenhals dicht hinter der Schraube ab, und der Kolben fiel zu Boden. Heinrich faßte das Gewehr an der Mündung, und sein eiserner Arm schwang die zerbrochene Waffe wie eine furchtbare Keule. Ein Dritter, – ein Vierter stürzte schwer getroffen nieder, – da stieß einer der Ergrimmten dem völlig Umringten das Bajonett tief in die linke Seite. Heinrich stand einen Augenblick wie eine Bildsäule. Dann entsank die Waffe seinen Händen. Taumelnd schlang er die Arme um seinen Angreifer und riß ihn zum dröhnenden Fall mit hin. Durch die Wucht des Niedersturzes blieb der Soldat betäubt liegen.
Nun eilten alle Soldaten wieder hinaus, nachdem noch der letzte sein Gewehr mit der Mündung Heinrich auf die Brust gesetzt und abgeschossen hatte.
Kaum eine Minute hatte das Gemetzel gedauert. Jetzt herrschte nach dem fürchterlichen Tumult tiefe Stille im Zimmer. Nur die Zeugen des grauenvollen Geschehnisses, die regungslos auf dem Fußboden herumlagen, erzählten mit stummen Worten, was sich zugetragen. Von den oberen Stockwerken hallte entfernter Lärm in das Schweigen hinein. Der Geruch von Pulver und Blut erfüllte den Raum.
Valentine kniete noch auf der Stelle, wo sie zusammengebrochen war. Ihr Gesicht war schrecklich entstellt. Die unnatürlich weit aufgerissenen Augen glitten geistlos durch das Zimmer, bis sie auf Heinrich haften blieben. Mit ungeheurer Anstrengung raffte sie sich auf, ging zu ihm hin und kauerte neben dem Sterbenden nieder. Der Schmerz zerriß ihr die Brust; aber ihre Augen blieben tränenlos.
»Heinrich,« wehklagte sie leise, »Heinrich – – –«
Da schlug der junge Mann die Augen auf und erkannte das Mädchen. Ein schwaches Lächeln trat auf seine Lippen. Und als sie seine Hand erfaßte, versuchte er, sie zu streicheln.
»Mit mir ist's aus,« flüsterte er.
Valentine preßte die Lippen zusammen, um nicht aufzuschreien.
»Ich muß schon früh sterben,« hauchte er in abgerissenen Worten. »Aber es gab eine Zeit in meinem Leben voll Sonnenschein. Das waren die Jahre in euerm Hause. Soviel Glück ist nicht jedem beschieden. Jetzt möchte ich aber nicht länger leben. Meine Stirn trägt ein … Schand – mal.«