Valentine war vernichtet. Mechanisch erhob sie sich, als sie Schritte vernahm. Ihre Augen waren umflort, daß sie den Eintretenden nicht erkennen konnte. Nur die Uniform unterschied sie.

Nicht wissend, was sie tat, hob sie den zu ihren Füßen liegenden Revolver auf, der neben der Leiche des weißköpfigen Kammerdieners lag, und richtete ihn zur Verteidigung auf den Soldaten.

Da schlug der Klang einer bekannten Stimme in ihre Seele, und sie hörte ihren Namen aussprechen. Des Mädchens Blicke bohrten sich durch den Nebel, der vor ihnen lag, – – der Revolver fiel polternd auf den Fußboden, und der erhobene Arm sank schlaff an ihrer Seite herab. Der Mann ihr gegenüber war – Kurt Allmer!

Wohl eine Minute lang verharrten beide regungslos, die Augen ineinander gesenkt. Dann neigte Valentine demütig die Stirn tief herab, wandte sich um und ging mit schwankenden Schritten in das Krankenzimmer zurück. Kurts Blicke folgten ihr. Als er durch die geöffnete Tür die Verwundeten sah, beschlich ihn heimliche Befriedigung. Er hatte geglaubt, Valentine gehöre zu den Kämpfenden.

Schon wandte sich Kurt wieder nach der Tür, als seine Augen auf der Leiche eines der Gefallenen haften blieben. Er griff sich an die Stirn. War das kein Trugbild? Nein, es war Wahrheit! Feldwebel Mißbach hatte recht gesehen! Kurt wandte sich kopfschüttelnd von dem Anblick und verließ das Zimmer.

Auf dem Treppenabsatz lag Feldwebel Mißbach lang ausgestreckt, auf der Brust das Eiserne Kreuz. Sein Gesicht war dunkelrot. Kurt beugte sich zu ihm nieder und rüttelte ihn. Feldwebel Mißbach war tot! – Da ließ Kurt von ihm ab und ging langsam die Treppe hinunter. Dort der Sohn – hier der Vater! »Herzschlag …« murmelte Kurt.

Unten im Hausflur sammelte er eine Anzahl Soldaten, die sich hier inzwischen zusammengefunden hatten, um sie nach den gegenüberliegenden Häusern der Kirchgasse zu führen. Dort war unterdessen ebenfalls gestürmt worden. Der aus diesen Häusern dringende Lärm verkündete, daß darin noch ein hartnäckiger Kampf Mann gegen Mann geführt wurde.

Kurt schlang den Faustriemen des Portepees um das rechte Handgelenk. Als er hierauf mit seiner kleinen Abteilung ins Freie trat, sah er neben der Tür des Hotels den Soldaten Ullrich hilflos auf dem Pflaster liegen. Der Verwundete flehte inständig, ihn fortzutragen, da aus den nahen Fenstern unausgesetzt nach ihm geschossen würde.

»Schafft ihn rasch in das Haus,« rief Kurt seinen Leuten zu und bückte sich nach dem Soldaten, um ihn selbst mit aufzuheben.

In diesem Augenblick erhielt Kurt einen furchtbaren Schlag in den Rücken, der ihn beinahe über den Liegenden geworfen hätte. Unter Aufbietung aller Kräfte richtete er sich in die Höhe und sah sich um. Es war niemand in der Nähe. Nur seine Leute liefen hastig in das gegenüberliegende Haus, nachdem sie den Verwundeten in den Torweg des Hotels gebracht hatten, wo er vor den Kugeln geschützt war.