Kurt fühlte, wie ihm die Sinne zu schwinden drohten. Da krampfte er die Finger um den Säbelgriff und ging unsicheren Schritts, den Kopf herabgesenkt, über den leeren Neumarkt zurück.
Was war doch mit ihm? Seine Beine wollten ihn ja kaum mehr tragen? Warum lief er denn eigentlich über den Platz? Schossen die Aufrührer aus den Fenstern zu seiner Linken nicht andauernd auf ihn? Natürlich schossen sie! Die Kugeln schwirrten ja in einem fort an ihm vorbei.
»Klägliche Schießerei,« murmelte Kurt. »Dankt nur Gott, daß ihr nicht bei der 4. Kompagnie Albert steht, da würdet ihr schon schießen lernen! – Aber die Beine! Herrgott nochmal, was haben doch bloß diese verflixten Beine?« Und er biß die Zähne aufeinander, um die Herrschaft über sich nicht zu verlieren. – »Taumele ich nicht?« sprach er vor sich hin. »Na, gewiß taumelst du,« antwortete er sich selbst. »Du kannst dich doch kaum mehr auf den Beinen halten. – Nur erst über den Platz hinweg sein! Bloß dieser Kanaille nicht den Triumph gönnen, daß ein Königlich sächsischer Leutnant vor ihren Augen aus Mattigkeit hinstürzt. – Links, rechts. Donnerwetter, ihr Füße, seid doch nicht so widerspenstig …«
Warum hielt denn seine Hand den Säbel nicht mehr umfaßt? Schleppte er ihn am Faustriemen nicht auf dem Pflaster nach? »Links, rechts; links, rechts.« – Da, ein scharfer Erzklang! Der Säbel flog in die Höhe und fiel sogleich wieder herab, mit der Spitze von neuem nachschleifend. »Erbärmliches Geknalle,« murmelte er ingrimmig, »bloß den Säbel treffen sie. 's ist ja lächerlich! Laufe hier stundenlang auf fünfundzwanzig Schritt Distanz wie eine ganze Figurscheibe herum, und nicht ein einziger Treffer! Korporal Mißbach, die Leute müssen besser zielen! Das ist ja die reinste Patronenverschwendung!«
Kurt empfand dunkel, daß er kaum noch vorwärts kam. »Der Neumarkt nimmt heute gar kein Ende,« räsonnierte er vor sich hin. »Aber ich laufe auch wie eine Schnecke. Vorhin, auf Stadt Rom zu, – da ging's anders! Hol's der Geier – wie verfault waren wir über den Platz weg … halt – halt – hübsch langsam – nicht stolpern – links, rechts; links, rechts …«
»War es vorhin nicht genau so, als wenn mir ein Stück glühendes Eisen in das rechte Schulterblatt gestoßen würde? – Ein Schuß? Ach, Torheit! Der war über mich weg gegangen, denn ich sah doch ganz deutlich neben dem liegenden Ullrich auf dem Pflaster das Blei spritzen. – Links, rechts; links – – Verdammt nochmal! Jetzt zerschießt mir diese Schwefelbande gar noch meinen Paradetschako. Aber der fällt nicht 'runter, freut euch nicht zu früh! Der Kinnriemen hält fest. Ach was, mag er schief sitzen, 's ist ja schon stockfinstere Nacht! – Aber warum krieg' ich denn bloß keinen Atem mehr? Ist denn hier die Luft alle? Donnerwetter, sticht das auf der Brust, wenn ich tief Atem hole! – Mußt Kamillentee trinken und schwitzen, mein Junge, wird Tante Sidonie sagen. Hast dich gewiß wieder mal erkältet. Links, rechts – links, rechts,« preßte er zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hervor.
Kurt Allmer war unter dem heftigsten Feuer aus den Fenstern der Kindschen Häuser über den Neumarkt in seiner ganzen Länge hinweggelaufen[1]. Jetzt hatte er Stadt Berlin an der Augustusstraßenecke erreicht. Die Truppen, die in dieses Hotel inzwischen eingedrungen waren, hatten mit atemlosem Staunen zugesehen, wie er langsam über den Platz zurückkam.
[1] Historisch.
Kurt taumelte so stark, daß es bei jedem Schritt aussah, als müsse er niederstürzen. Da hörte er eine Stimme wie aus weiter Ferne rufen: »Aber lieber Allmer, was ist Ihnen denn?« und eine nebelhafte Gestalt in Uniform mit Stabsoffiziersachselstücken tauchte vor seinen Augen auf.
Leutnant Allmer versuchte noch, militärische Haltung anzunehmen und die Hand an den Tschako zu legen. Aber der daran hängende Säbel zog den Arm wieder herab.