Als er nach einigen Stunden erwachte, brachte ihm Tante Sidonie ein Glas Wein. Die Freude des alten Fräuleins war unbeschreiblich. Kurt erkannte sie gegen früher kaum wieder. Alle Gemessenheit war von ihr gewichen, und auf ihrem sonst so ernsten Gesicht lag der Schimmer eines unermeßlich großen Glücks.
»Sprich noch etwas zu mir,« bat er.
»Kurt, nicht gleich so viel fürs erstemal,« sagte Tante Sidonie in zärtlicher Besorgnis. »Während du vorhin schliefst, war der Arzt da und verordnete Ruhe, – viel Ruhe!«
Kurt versuchte zu lächeln.
»Ich fühle mich gar nicht so schwach, wie du glaubst,« erwiderte er.
Da erzählte sie nach einigem Zögern, wie der Aufstand niedergeschlagen worden sei, sprach von seinen verwundeten Kameraden und von den vielen Verhaftungen und den großen Prozessen, die die Gerichte jetzt beschäftigten.
So hatte sie zuletzt alle Bekannten erwähnt. Aber noch immer sah Kurt sie fragend an. Tante Sidonie wußte die stumme Bitte in seinem Blick zu deuten. Unruhig rückte sie auf dem Stuhl hin und her. Aber die Augen des Kranken wandten sich nicht von ihr. Bis sie endlich versetzte:
»Nun, weil du mich so quälst: Advokat Marschall ist ebenfalls in Untersuchungshaft gesetzt worden. Aber man hat ihn wieder freigelassen, als man sah, daß der Arme seinen Verstand nicht mehr richtig beisammen hat. Er soll sich in seinem wieder hergerichteten Hause befinden, wo ihn seine Frau pflegt.«
Tante Sidonie schwieg und sah beiseite. Dann stand sie auf.