»In Oberschlesien haust die Cholera in erschreckender Weise,« begann sie noch einmal, »sie ist über die russische Grenze herübergekommen. Wie man sagt, sind schon ganze Dörfer ausgestorben. Täglich stehen in der Zeitung Aufrufe, daß sich Frauen zur Pflege melden möchten. Aber niemand will es tun, da der Umgang mit den Kranken fast den sicheren Tod bedeutet. Unter den Wenigen, die sich aus Sachsen gemeldet haben, stand in den ›Nachrichten‹ obenan der Name – Valentine Marschall.«
Das alte Fräulein sah, wie Kurt tiefatmend die Augen schloß.
Da blieb sie noch so lange neben ihm, bis seine ruhigen Atemzüge verkündeten, daß er schlief. Dann verließ sie auf den Zehen das Zimmer.
Am andern Morgen fühlte sich Kurt schon viel kräftiger. Als er erwachte, stand Ursula neben dem Bett und beglückwünschte ihn zu seiner endlichen Besserung. Auch der Kriegsrat kam mit strahlendem Gesicht hereingehumpelt und verließ den Kranken nicht eher wieder, bis Ursula den alten Herrn unerbittlich zur Tür hinausschob.
Von nun an machte Kurts Genesung rasche Fortschritte, und er aß und trank mit Behagen. Seine Pflege versah Ursula. Tante Sidonie saß tagsüber stundenlang an seinem Bett und vertrieb ihm durch ihr Plaudern die Zeit. Aber sie bemerkte, daß er oft zerstreut war und ihren Worten kaum folgte. In solchen Augenblicken hingen Kurts Augen, wie sie mit unbeschreiblicher Freude wahrnahm, heimlich an Ursula.
Zwischen den beiden jungen Menschen herrschte eine tiefinnerliche, stille Herzlichkeit. Tante Sidonie war eine scharfe Beobachterin und empfand deutlich, daß jeder von ihnen eine schwere Last trug.
So war eine Woche vergangen. Kurt durfte heute zum erstenmal das Bett auf ein paar Stunden verlassen.
Nun saß er auf der kleinen Veranda an der Elbseite des Hauses in dem warmen Sonnenschein. Auf seinen Wangen zeigte sich schon eine leichte Röte, das sichere Zeichen der jungen Kraft, die wieder in seinen Körper eingezogen war. Die Mattigkeit war aus seinen Augen verschwunden. Aber sie blickten nicht so heiter in den herrlichen Sonntagmorgen hinein, wie es das Recht des dem Tode Entronnenen gewesen wäre.
Tante Sidonie saß neben ihm, bemüht, seine stille Traurigkeit durch ihre Unterhaltung zu verscheuchen. Endlich mochte sie jedoch überzeugt sein, daß es nutzlos war. Von da an saßen sie stumm beieinander.