Er ging über die Ritterstraße und blieb vor dem hohen Hoftor stehen. Oder sollte er bis zum Tor in der Magazinstraße gehen? Dort galt das Übersteigen für weniger gefährlich! Aber seine Trägheit siegte, und er blieb.

Heinrich sah sich nach allen Seiten um. Kein Mensch war zu sehen. Die mächtige Kaserne lag wie ausgestorben. Hinter keinem Fenster, so weit er sehen konnte, brannte noch Licht. Da stieg er entschlossen auf den Prellstein neben dem Tor, griff in eine Vertiefung im Rahmen des Holzes und kletterte, Füße und Knie zwischen Tor und Mauer einstemmend, so weit in die Höhe, bis er mit der rechten Hand die obere Kante des Tores erfassen konnte. Nun griff er mit der Linken nach, machte einen Klimmzug und schwang sich in Reitsitz. Prüfend glitten seine Augen in die pechschwarze Dunkelheit hinein. Bevor er hinabsprang, mußte er überzeugt sein, daß niemand in der Nähe lauerte.

Aber so weit der Blick reichte, war nichts Verdächtiges zu sehen. Da ließ er sich leise am Tor hinab und sprang auf die Erde. Noch einmal lauschte er – kein Laut! Vorsichtig ging er bis zur Ecke des Gebäudes, von wo er den Kasernenhof übersehen konnte.

Der ausgedehnte Platz lag in tiefer Einsamkeit. Die Finsternis ließ den Blick nicht weit dringen. Totenstille! Die Tritte seiner schweren Stiefel so viel er konnte dämpfend, lief Heinrich quer über den gepflasterten Weg, der rund um den Kasernenhof führte, bis er die festgestampfte Erde des Exerzierplatzes unter den Füßen fühlte. Hier waren seine Schritte fast unhörbar. Das Tor, durch welches er in die Kaserne gelangen konnte, lag in der Mitte des Flügels; es stand auch während der Nacht offen. Langsam ging er weiter und stierte unter Anspannung aller Sinne in die Dunkelheit hinein.

Plötzlich blieb er stehen. Hatte er nicht ein leises Geräusch gehört? Seine Schläfen schmerzten, so angestrengt sah er den Weg entlang. Da erkannte er in geringer Entfernung eine menschliche Gestalt, die regungslos am Stamm einer der Platanen am Rande des Exerzierplatzes lehnte. Heinrich starrte nach dem Baum. Nein! Es war kein Irrtum, dort stand jemand.

Blitzschnell wandte er sich um; – da rief laut eine befehlende Stimme:

»Halt! Stehen bleiben!«

Den jungen Korporal durchzuckte es: »Der Vater!« Gleichzeitig hörte er, wie dieser ihm nacheilte.

Schnell lief Heinrich den gepflasterten Weg zurück. Aber kaum hatte er ein paar Schritte getan, als sein Knie mit aller Kraft gegen einen harten Gegenstand rannte. Es war eine der Bänke, auf denen die Soldaten Sonnabends ihre Drillichkleidung scheuerten und die er in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte. Das leichte Gerät flog unter lautem Geräusch zur Seite.

Heinrich fühlte einen heftigen Schmerz am Knie und stürzte seiner ganzen Länge nach auf die Steine. Im nächsten Augenblick sprang er wieder auf, den Schmerz verbeißend. Aber schon hörte er dicht hinter sich die eilenden Schritte seines Vaters.