Da fiel sein Blick auf ein offen gebliebenes Speisesaalfenster zu ebener Erde. Wie toll schoß er darauf zu, stolperte jedoch, schlug noch einmal hin und rutschte alsdann auf der schiefen Fläche der Fensterhöhlung kopfüber in den Speisesaal hinunter. Halb betäubt von dem Sturz raffte er sich auf und eilte durch den dunkeln Raum nach der Tür. Sie war verschlossen. In blinder Wut warf er seinen schweren Körper so heftig dagegen, daß die Krampe aus ihrem steinernen Lager flog und die Tür donnernd aufsprang. Dann lief er weiter. Am vorderen Ende des Ganges blieb er keuchend stehen und horchte. Es war alles still. Hastig zog er die Stiefel aus, nahm sie in die Hand und rannte in sinnloser Eile nach dem Revier der 4. Kompagnie.
Endlich hatte er sein Bett erreicht, das sich in dem Karree der Unteroffiziere befand. Eine übermannshohe Wand aus Latten und grauer Leinwand trennte diese Lagerstätten von denen der Mannschaften. Auf dem großen Schlafsaal herrschte tiefe Stille. Nur das übliche laute Schnarchen einiger Schläfer war zu hören.
Heinrich blieb erschöpft vor seinem Bett stehen und wischte sich mit dem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn. Das verletzte Knie schmerzte fürchterlich. Endlich ging sein Atem langsamer, und er kleidete sich aus.
Da hielt er plötzlich inne: auf dem Korridor klangen hastige Schritte. Vornübergebeugt lauschte er mit offenem Munde eine Sekunde lang. Dann vernahm sein scharfes Ohr deutlich Säbelklirren. Und diese Tritte? Es war wieder sein Vater! Er mußte ihn in der Dunkelheit unsicher erkannt haben und hegte Verdacht. Geschwind ergriff Heinrich Mütze, Waffenrock, Stiefel und Seitengewehr und schleuderte alles unter das Bett. Dann riß er die Hosen und Unterhosen auf, schob sie bis unter die Knie hinab, sprang ins Bett und warf sich die Decken über.
Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und Feldwebel Mißbach trat in den Schlafsaal. Er nahm die Laterne mit der trübe brennenden Öllampe von dem Nagel in der Tür und näherte sich mit wuchtigen Tritten dem Bett seines Sohnes. Heinrich lag unbeweglich auf dem Rücken – scheinbar in tiefem Schlafe. Kopfschüttelnd leuchtete Mißbach dem Schläfer ins Gesicht. Schon wollte er sich wieder entfernen, als er plötzlich die Bettdecke erfaßte und bis über den Leib des Liegenden zurückschlug. Heinrich fühlte, wie sein Herzschlag aussetzte.
Wenn der Vater die Decke noch um eine Handbreit tiefer hinabschob, sah er die Hosen, und er war entdeckt! Ein furchtbarer Zornausbruch seines Vaters mußte folgen. Zudem würde er morgen sein Zuspätkommen und seine Flucht im Frührapport dem Regiment melden. Ja noch mehr! Er würde den Ungehorsamen auf der Stelle arretieren und auf die Kasernenwache bringen.
Heinrich zwang mit ungeheurer Willenskraft seine Aufregung nieder. Kein Muskel zuckte in seinem starren Gesicht …
Da warf Feldwebel Mißbach die Decke wieder zurück, trug die Laterne wieder zur Tür und verließ den Schlafsaal.
Noch lange, nachdem Heinrich die Tritte hatte verhallen hören, lag er regungslos. Ein furchtbarer Kampf tobte in ihm. Scham und Zorn rangen miteinander. Und er fühlte zum erstenmal, solange er diente, mit grausamer Deutlichkeit, was für ein schlechter Soldat er war. Jeder seiner Kameraden beschämte ihn. Warum mußte ihn aber auch sein Vater gewaltsam aus dem Marschallschen Hause reißen, aus einem Berufe, dem er mit Lust und voller Hingabe angehangen! Sein Vater! Alles, was ihm in seinem Leben Kummer bereitet, war von seinem Vater gekommen! Und zuletzt hatte ihn dieser in eine Laufbahn gezwungen, in der er sich tief unglücklich fühlte.
Heinrichs Zorn bäumte auf. Ja, jetzt wußte er es: er haßte seinen Vater!