»Guten Tag, Tante,« sagte er, die Tür behutsam hinter sich schließend.
Auf dem verschossenen roten Ripssofa mit eingewirkten gelben Phantasieblumen saß häkelnd eine hagere, kleine Dame, um deren Mund und Augen ein spätherbstlicher Zug lagerte.
Sie erwiderte seinen Gruß in kühlem Ton und reichte ihm mit einer gemessenen Bewegung die Spitzen ihrer langen, dürren Finger. Dann zeigte sie stumm auf den Stuhl gegenüber. Leutnant Allmer nahm an dem runden Sofatisch Platz, während die kleine Dame die Häkelnadel wieder ergriff, die während der kurzen Begrüßung neben dem riesigen Ball zusammengewickelter Spitze geruht hatte.
Diese schon lange verblühte Jungfrau war Tante Sidonie. Sie lebte von einer sehr bescheidenen Rente, aß nur wenig mehr als ihr noch älterer Papagei und verrichtete all ihr Tun und Lassen mit einer feierlichen Pedanterie, daß ihre Bewegungen zuweilen wie die einer Marionettenfigur erschienen. Bei alledem war sie sehr fleißig! Mangels einer andern Beschäftigung strickte sie im Laufe eines jeden Jahres einen vollgemessenen Scheffel Strümpfe, häkelte ein Knäuel Madeiraspitze von der Größe einer Kanonenkugel und saß dabei ein tiefes Loch in das Sofa, – ebenfalls jedes Jahr eins.
»Warst du kürzlich bei Abendroths, liebe Tante?« fragte Leutnant Allmer ein wenig kleinlaut.
Tante Sidonie richtete über die hüpfenden Finger hinweg den Blick scharf auf den Frager, wobei sich ihre spitze Nase zu verlängern schien.
»Nein, Kurt,« erklärte sie in feierlichem Ton, »ich hatte in dieser Woche noch keine Zeit, Besuche zu machen.«
Das klang wie ein sanfter Vorwurf.
Leutnant Allmer blickte schweigend auf die Kanonenkugel und verstand.