Allmer kämpfte eine leichte Verlegenheit nieder.
»Ursulas Verstimmung, die sie vielleicht gegen Fräulein Marschall hegt,« antwortete er ausweichend, »würde sich sogleich ins Gegenteil kehren, wenn sie Valentine kennen lernte.«
»Kurt,« sagte Tante Sidonie mit sanftem Nachdruck, »einem Mädchen wie Ursula muß es weh tun, wenn sie weiß, daß der Geliebte ihr nicht sein ganzes Herz schenkt! Allerdings giltst du vor der Welt noch frei, euer Verlöbnis besteht vorläufig ja nur heimlich. Den tiefen Schmerz, den Ursula vor kurzem durch den überraschenden Heimgang ihrer Mutter erlitt, muß erst die Zeit lindern, bevor ihr euch vor der Welt als Brautpaar bekennt. Aber gerade dieser tiefbedauerliche Hinderungsgrund verpflichtet dich zu großen Rücksichten und verlangt von einem jungen Mann von Familie den höchsten Beweis feinen Taktes.«
Diese Worte kamen wie von einer Mutter und übten eine tiefe Wirkung auf den Zuhörenden.
»Glaubst du, liebe Tante, daß Ursula sich über meinen Verkehr bei Marschalls beunruhigt?« fragte Kurt. »Wir haben doch verabredet, daß ich nur in schicklichen Zeiträumen im Abendrothschen Hause vorsprechen soll, um jede Nachrede zu vermeiden.«
»Das ist wohl richtig,« antwortete Tante Sidonie. »Aber Ursula weiß um dein wiederholtes Zusammentreffen mit Valentine Marschall. Freilich ist sie ein viel zu edler Charakter, um Argwohn zu hegen oder dich zu bitten, die Besuche bei Marschalls einzustellen. Dennoch leidet sie darunter, wie ich empfinde. Denn sie liebt dich mit ihrem ganzen keuschen Herzen.«
Kurt lehnte sich zurück. Er fühlte deutlich sein Unrecht. Ursula war wirklich ein vornehmer Charakter. Seine ganze Seele hing an diesem herrlichen Mädchen, und es würde ihm weh tun, wenn er sie betrübt hätte.
Tante Sidonie erkannte mit scharfem Blick die innerliche Not des jungen Neffen. Plötzlich legte sie die Häkelarbeit mit liebevoller Sorgfalt in einen umfangreichen, weißen Spankorb, den rosafarbene Schleifen freundlich zierten, und sagte:
»Du ißt jetzt mit mir, Kurt, und danach machen wir zusammen einen Besuch bei Abendroths.«
Kurt warf der Tante einen dankbaren Blick zu, stand auf und schnallte den Säbel ab. Tante Sidonie ging zu dem perlengestickten Klingelzug neben der Tür und läutete.