»Anna, du kannst decken,« sagte sie zu dem eintretenden Mädchen. »Der Herr Leutnant bleibt bei uns zu Tisch.«
Jetzt lächelte Kurt. Nun war sie wieder ganz Tante Sidonie, steif und gemessen in ihren Bewegungen, ausdrucksvoll und feierlich in ihren Worten. Worin das Mittagessen bestehen würde, wußte er übrigens auch schon.
Heute war Sonnabend, also der Tag des großen Reinemachens. Da wurde in der ganzen Wohnung das Unterste zu oberst gekehrt. Besen und Staubtuch wirbelten in der Luft, und das Röhrwasser ergoß sich in Fluten. So heischte es die Würde jeder ordentlichen Hausfrau. Deshalb unterblieb an diesem Tag auch die zeitraubende Zubereitung des einfachen Mittagessens. Statt dessen kamen auf den Tisch der sparsamen Tante nur der übliche dünne Kaffee und hauchartig bestrichene Butterbemmchen.
Endlich war Tante Sidonie zum Ausgehen bereit. Ihr Kleid stammte sicherlich aus dem vorigen Jahrzehnt. Aber es war fleckenlos und peinlich gebürstet. Und Tante Sidonie trug es mit Würde!
Sie gingen über den Bautzner Platz bis zur Glacisstraße und diese hinab. Endlich hatten sie das untere Ende erreicht. Hier stand nahe dem Elbufer in einem Garten ein einstöckiges Haus, dessen schwärzliches Ziegeldach sein hohes Alter bezeugte. In diesem Hause wohnte der pensionierte Königlich Sächsische Kriegsrat Christoph von Abendroth mit seiner Enkelin Ursula.
Als Kurt hinter der Tante die zum Eingang führenden wenigen Stufen hinaufschritt, fühlte er eine leise Beklemmung, die aber wieder von ihm wich, als sie im Flur den weißhaarigen, betagten Kriegsrat sahen, der sie mit lauter Freude begrüßte. Während Tante Sidonie den alten Herrn mit einer Frage absichtlich eine Weile zurückhielt, betrat der junge Offizier eine der auf den Flur mündenden Stuben.
An dem großen, runden Tisch inmitten des Zimmers saß in einem schlichten, schwarzen Hauskleid ein junges Mädchen, in das Lesen eines Buches versunken. Als die Tür geöffnet wurde, blickte sie auf. Vor freudiger Überraschung errötend, erhob sie sich und ging dem Eintretenden entgegen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt und lieblicher Schönheit. Ihre feinen Züge trugen einen vornehmen Ausdruck, verbunden mit scheuer Zurückhaltung. Ursula von Abendroth galt als eins der schönsten Mädchen der Dresdner Gesellschaft.
Kurt näherte sich ihr rasch und küßte sie auf Stirn und Mund. In leichter Verwirrung schloß sie flüchtig die Augen und erwiderte die Liebkosung mit mädchenhafter Befangenheit.
»Verzeih', Ursula,« sagte Kurt schmeichelnd, »daß ich diesmal länger als sonst fern blieb.«
Es drängte ihn, das zu sagen, denn bei Ursulas Anblick fühlte er seine Schuld deutlicher als bisher. Doch wagte er nicht, Gründe für sein Ausbleiben anzuführen.