»Lassen Sie uns hübsch langsam gehen, Herr von Abendroth,« meinte sie mit Vorbedacht, »damit Ihnen der Spaziergang auch gut bekommt.«

Und als sie bemerkte, wie sich der Abstand bis zu dem jungen Paar trotz alledem nur wenig vergrößerte, blieb sie plötzlich stehen und sagte, sich umwendend:

»Finden Sie nicht, daß heute ein ungewöhnlich klarer Tag ist? Sehen Sie doch bloß, man kann auf der Brühlschen Terrasse die Spaziergänger ganz deutlich erkennen.«

Mit dieser kleinen List hatte sie den Redefluß des alten Herrn in das richtige Fahrwasser gelenkt, denn der Kriegsrat studierte, seitdem er pensioniert war, mit großer Vorliebe die Wissenschaft von den atmosphärischen Erscheinungen. Voll Eifer erklärte er ihr den Grund, warum jetzt eine längere Reihe von schönen Tagen gewesen sei und daß nach den Anzeigen in der Natur das heitere Wetter noch einige Zeit anhalten würde. Tante Sidonie hörte eine Weile aufmerksam zu, dabei aber in einem fort über die Schulter zurückspähend. Plötzlich versetzte sie:

»Kommen Sie, Herr von Abendroth, wir wollen jetzt weitergehen, damit Sie keine kalten Füße kriegen.«

»Gnädiges Fräulein sind so gütig um mich besorgt,« sagte der alte Herr erfreut, während Tante Sidonie mit Befriedigung wahrnahm, daß die jungen Leute nunmehr einen tüchtigen Vorsprung gewonnen hatten.


Viertes Kapitel

Die Winterstürme waren ins Land gebraust. Der Vorplatz des Café réale auf der Brühlschen Terrasse – wo in der schönen Jahreszeit vom frühen Morgen an durchreisende Fremde und wohlhabende einheimische Bürger an kleinen runden Tischen saßen und aus den zwiebelgemusterten Tassen von Meißner Porzellan ihren Kaffee tranken – war verödet. Die Besucher hatten sich in die geheizten Räume dieser beliebten Stätte geselliger Zusammenkunft zurückgezogen und sahen durch die angelaufenen, hohen Fensterscheiben hinaus in das Schneetreiben. Mit innigem Behagen beobachteten sie bei einer Tasse heißen Kaffees, wie der scharfe Nordost in die dicht herabschwebenden Flocken blies, daß sie durcheinanderwirbelten.

Der langgestreckte, niedrige Pontonschuppen hinter der Stallwiese drüben über der Elbe trug ein dickes Schneedach, und das alte Hospital ragte einsam über die entlaubten Bäume seines großen Gartens hinweg. Auf der Elbe war Eisgang. Langsam schwammen die beschneiten Schollen talwärts, nachdem sich die größten an den starken Pfeilern der Augustusbrücke zersplittert hatten. Sorgsam in ihre Mäntel vermummt, hasteten die Fußgänger über die Brücke, und die Kutscher der Omnibusse und Droschken trieben die Pferde zur Eile an und wehrten sich, so gut sie konnten, gegen den schneidenden Wind, der pfeifend in die großen Kragen ihrer Umhänge fuhr, daß sie hochauf flatterten. –