Auf Heinrich Mißbach hatte sich seit jenem Abend, an dem er vor seinem Vater geflüchtet war, ein schwerer Druck herabgesenkt. Der junge Mann sah jetzt mit tiefer Niedergeschlagenheit, daß der Soldatenberuf ihn niemals befriedigen konnte.

Als Heinrich das Haus seiner Wohltäter auf strenges Geheiß seines Vaters mit der Kaserne vertauschen mußte, hatte er zum erstenmal mit dem Leben gehadert. Der schmucke, grüne Rock mit dem blauen Kragen und den hellen Aufschlagpatten, die blauen, weiten Hosen und der hohe Tschako mit den hellblauen Regimentsabzeichen, die Uniform, die seine Kameraden mit Lust trugen, gewann ihm keine Freude ab. Er hatte gegen das ganze Soldatenhandwerk schon seit früher Jugend stille Abneigung besessen. Der Lärm und der Geruch der Kaserne, die Scheltworte der Unteroffiziere und die derben Späße der Mannschaften, dazu der überstrenge Vater und das seelisch wie körperlich leidende Linchen … Heinrichs Brust war wie zusammengeschnürt, wenn er diese geräuschvolle und bedrückende Umgebung mit der wohltuenden Stille des alten, verwinkelten Bürgerhauses in der kleinen Brüdergasse verglich.

Dem Verbot des Vaters entgegen, war er nach wie vor an seinen freien Abenden heimlich zu Marschalls gegangen, immer von der geheimen Furcht begleitet, der Vater möchte seinen Ungehorsam entdecken. Linchen hatte sich dem strengen Gebot freilich fügen müssen. Einmal noch war sie von daheim fortgeschlichen und wie gebrochen bei den guten Leuten erschienen, um ihnen unter bitteren Tränen das Geheiß des Vaters mitzuteilen. Madam Marschall hatte dieses Verbot schon lange im stillen befürchtet. In ihrer mütterlichen Weise redete sie auf das fassungslose Mädchen liebevoll ein und vertröstete es auf bessere Zeiten. Ihr Haus, das wisse Linchen ja, stehe immer für sie offen, und die herzliche Zuneigung aller seiner Bewohner werde ihr erhalten bleiben.

Mit diesem Trostspruch hatte Linchen die traute Stätte verlassen.

Mehr noch als an Linchen, hingen Marschalls freilich an Heinrich, der schon als zur Familie gehörig galt. Niemand konnte sich denken, wie es ohne den Jungen gehen sollte.

Als Advokat Marschall am Abend des Tages, an dem Linchen gebeichtet hatte, in die Küche trat, sah er Heinrich mit einer Unschuldsmiene, als wenn nichts vorgefallen sei, auf seinem gewohnten Platz sitzen und das Abendbrot verzehren. Da war er zu ihm hingegangen und hatte ihm schonend vorgestellt, daß er besser täte, wenn er sich dem Willen seines Vaters füge. Leicht waren ihm die Worte nicht gefallen, denn Heinrich war ihm ans Herz gewachsen.

Als dieser aber die schwermütigen Augen zu ihm aufgeschlagen, in denen sich tiefe Traurigkeit und stille Angst abspiegelten, da hatten dem alten Mann die Worte gefehlt, seine Ermahnung zu wiederholen, und er war schweigend aus der Küche gegangen. Niemand von Marschalls war imstande, mit Heinrich noch einmal über das schlimme Verbot zu sprechen. Jeder bemühte sich, ihn durch vermehrte stille Freundlichkeit zu trösten.

Madam Marschall vermied es, an den Abenden, wo Heinrich einmal nicht gekommen war, nach dem leeren Platz zu sehen. Sie bangte vor der Möglichkeit, daß der Stuhl nun immer leer bleiben könnte. Valentine plauderte stundenlang mit dem Burschen und war bemüht, ihn aus seiner Traurigkeit zu reißen. Und die seit vielen Jahren in der Familie lebende Köchin, die ihrem Liebling schon immer heimlich manchen guten Bissen zugesteckt hatte, tat dies nunmehr ganz offen.

Heinrich war das Schoßkind von allen. Er fühlte es und empfand darüber unsägliche Freude. Aber er blieb traurig, und in seinen Augen stand immer der Ausdruck eines stillen Kummers. –

Kurt Allmer war während der letzten Wochen in schweren Widerstreit mit sich geraten; sein inneres Gleichgewicht war gestört. Er fühlte sich aus seiner ruhigen Bahn geworfen. War er bisher in heiterer Sorglosigkeit durchs Leben gegangen, so verfiel er jetzt oft in tiefes Grübeln. In solchen Stunden stiegen Zweifel in ihm auf, ob er recht gehandelt, daß er sich Ursula von Abendroth genähert.