Zu jener Zeit, als er Ursula kennen gelernt, war sie von zahlreichen Anbetern umschwärmt gewesen. Junge und gereiftere Herren aus den ersten Kreisen der Gesellschaft huldigten ihr, und hochgestellte Damen zeichneten sie durch ihre Gunst aus. Vereinigten sich doch auch in Ursula herzgewinnende Anmut und hohe Schönheit mit einem reich empfindenden Herzen. Kurt hatte bald eine tiefe Zuneigung zu dem Mädchen gespürt. Doch war er nicht beherzt genug gewesen, sich ihr zu nähern.

Da hatte Ursula einmal ihre großen, dunkeln Augen fester als sonst auf ihn gerichtet, und er hatte ihren langen Blick erwidert. Von Stunde an fühlte Kurt, daß innerlich eine Schranke zwischen ihnen gefallen war. Er suchte eifrig Gelegenheit, das junge Mädchen in Gesellschaften zu sehen und war darin erfinderisch, scheinbar zufällige Begegnungen mit ihr herbeizuführen. Ein beseeligendes Empfinden beschlich ihn, als er merkte, wie Ursula seinen emsigen Bemühungen nicht auswich. Die allen verborgen gebliebenen Beweise ihrer Zuneigung, die er mit stummem Jubel wahrnahm, wurden immer deutlicher, bis er die heimlich Geliebte eines Tages bei Tante Sidonie traf, wo die langersehnte Aussprache erfolgte.

Noch an demselben Abend verfiel Ursulas Mutter in eine schwere Krankheit, der sie bald erlag. Kurz vor dem Hinscheiden gestand das Mädchen der Mutter ihre Liebe. Kurt wurde gerufen, und die Sterbende segnete den Herzensbund ihrer Kinder.

Nach diesem bittern Verlust war Ursula verwaist, und der Großvater hatte sie zu sich genommen. Kurt durfte die Geliebte nur selten sehen. Sie hatte dies um der teuern Toten willen selbst so gewünscht. In den kurzen Stunden aber, in denen er bei ihr weilte, hatte er reines Glück genossen.

Da war Valentine Marschall auf seinen Lebensweg getreten.

Advokat Marschall genoß den Ruf eines Mannes, auf dessen Ehrenhaftigkeit wie auf einen Felsen gebaut werden konnte, und galt zugleich als einer der tüchtigsten Advokaten Dresdens.

Als solcher hatte er den Nachlaß der verstorbenen Frau von Abendroth geordnet. Und da der alte Kriegsrat zu dieser Zeit gerade wieder kränkelte, hatte Kurt in seinem Auftrag wiederholt mit Marschall verhandelt. Sein Verhältnis zu Ursula, um das niemand wußte, hatte er auch dem Advokaten verschwiegen. So war es gekommen, daß Herr Marschall ihn eines Tages nach einer langen Konferenz zum Abendbrot einlud. Bei dieser Gelegenheit hatte er Valentine kennen gelernt.

Valentine Marschall war eine außergewöhnliche Mädchenerscheinung. Schon ihr Gesicht verriet, daß sie einen starken Charakter besaß. Es war ernst, und seine Züge waren scharf geschnitten. Von ihrem Vater hatte Valentine ein Stück seiner Weichheit geerbt. Aber ihr Verstand überwog die Weichheit, und sie wußte ihre Gefühle meisterhaft zu beherrschen. Weibliche Anmut hatte sie nicht. Dafür verriet ihr Auftreten Sicherheit und strotzende Lebenskraft.

Schon als Kind hatte Valentine den Drang empfunden, der Unterhaltung der Männer zu lauschen, die allabendlich das gastliche Haus ihres Vaters besuchten. Besonders politischen Gesprächen, die in dieser bewegten Zeit im gebildeten Bürgertum eifrig gepflogen wurden, konnte sie in einer dunkeln Ecke des Zimmers stundenlang und ohne zu ermüden zuhören. So hatte sich ihr Verstand schon frühzeitig vertieft, und die Umgebung, in der sie herangewachsen, bot ihrem scharfen Denken viel Nahrung.