Valentinens sicheres Urteil und die Gewandtheit, mit der sie ihre Gedanken treffend und in klaren Worten ausdrückte, hatten Kurt gleich am ersten Tag gefesselt. Dabei verstand es das Mädchen trefflich, schicklich Maß zu halten. Wenn Kurt ihr zuhörte, hatte er stets das Empfinden, daß sie mehr wußte, als sie aussprach. Ihr angeborene Taktgefühl bewahrte sie glücklich davor, als unweiblich zu erscheinen.
So war es unbewußt Valentine gewesen, die in Kurt eine lebhafte Aufmerksamkeit für die verworrenen politischen Zustände in den Ländern deutscher Zunge wachgerufen.
Anfänglich hatte er versucht, seine geringen Kenntnisse von den großen Fragen dieser bewegten Zeit sorgfältig zu verbergen. Nach wiederholtem Zusammentreffen mit dem Mädchen war ihm das aber nicht mehr gelungen. Er hatte ihre Überlegenheit willig anerkannt und sie im stillen als seine Lehrmeisterin betrachtet. Ihr Wissen von der Vergangenheit des deutschen Volkes war tiefgründig, und nicht selten bewunderte er ihre Gedankenschärfe, mit der sie die starken Fäden ineinanderwob und wieder entwirrte, die sich unsichtbar durch die Weltgeschichte ziehen und hervorragende Persönlichkeiten und die Völker umschlungen halten. Diese Kenntnis verdankte Valentine ihrem Vater.
Was Wunder also, daß dieses eigenartige Mädchen den jungen Mann stark anzog. Er fühlte sich ihr auf geistigem Gebiete unterlegen und geriet allmählich unbewußt unter ihre Herrschaft. Nicht eines von all den Mädchen, die er kannte, hätte sich mit Valentine Marschall messen können. Die meisten von ihnen waren, wie er jetzt wußte, Valentine gegenüber unbedeutend.
Die in den höheren Gesellschaftskreisen jener Zeit herrschenden Anschauungen zwangen die nicht verheirateten Frauen zur Untätigkeit. Sie genossen unbesorgt um die Zukunft die Annehmlichkeiten des elterlichen Hauses, schwärmten für Zerstreuungen, himmelten den Jüngling ihrer Anbetung heimlicherweise so lange an, bis der Glorienschein dieses Idols verblich, weil ein neu heraufgezogener Stern es überstrahlte, und lasen tage- und nächtelang. Aber ihr Lesestoff war süßlich und kraftlos wie abgestandene Limonade. Dieses Tändeln und Nichtstun lähmten den Willen, verweichlichte die Mädchen und erzeugte eine Rührseligkeit, der man sich freudig hingab. Bei allen passenden Gelegenheiten wurden reichlich Tränen vergossen. Zu ernster Arbeit auf einem bestimmten Gebiete waren sie zu untüchtig. Ja, die Arbeit galt bei einem großen Teil jener unversorgten Töchter als ihrer nicht würdig.
Diese Ansicht, von dem was schicklich, war auch der Grund, weshalb man über jede Äußerung eines starken weiblichen Willens mit heimlichem Lächeln geringschätzig die Achseln zuckte. Und wenn sich ein Mädchen von kraftvollem Charakter gegen den Druck der herrschenden Verhältnisse auflehnte, weil er die weibliche Würde verletze, so bestrafte man diese Kühnheit mit gesellschaftlicher Ächtung.
Kurt verschwieg seiner Braut das Interesse, welches er für Valentine Marschall gewonnen hatte, und auch seine Besuche im Hause des Advokaten, die er in so kurzen Zeiträumen wiederholte, als es die Gepflogenheit erlaubte, verheimlichte er vor Ursula.
Inzwischen hatte sich die politische Spannung innerhalb der weißgrünen Grenzpfähle erheblich verschärft. Überall, wohin die Tageszeitungen die Kunde von den bewegten Vorgängen in den größeren sächsischen Städten trugen, horchte man auf, und jedermann war verwundert, daß offene Kundgebungen gegen die Regierung auch im Lande der allzeit gemütlichen Sachsen geschehen konnten.
Das Erschießen des feurigen Demokraten Robert Blum in Wien häufte unter der Dresdner Bevölkerung viel Zündstoff an. Ein endloser Zug von Anhängern der Opposition begab sich bei Glockengeläute, mit Musik und umflorten Fahnen vom Altmarkt durch die Schloß- und Frauengasse nach der Frauenkirche zur Totenfeier. Selbst Minister verschmähten es nicht, an dieser Kundgebung teilzunehmen.