Noch herrschte aber der Geist der Ruhe und Besonnenheit im Lande. Mit wahrhaftem Edelsinn bemühten sich weite bürgerliche Kreise um die friedliche Lösung der immer schwieriger werdenden nationalen Fragen, und Vieler Augen hingen voll Sehnsucht an hohen, aber unklaren Freiheitsidealen. Doch das Unkraut niederen Parteitreibens überwucherte schon heimlich die edlen Reiser, die der lebensfrische Baum echt nationalen Empfindens getrieben hatte.
Aus der Tiefe drängte der Egoismus von Persönlichkeiten herauf, die zwar ehedem lautere Grundsätze gehegt, die aber jetzt von dem glühenden Ehrgeiz erfüllt waren, sich um jeden Preis an die Spitze der großen Bewegung zu stellen. War diese bisher eine rein bürgerliche gewesen, so huldigten nun diese Männer dem Pöbel, dessen Anschauungen natürlich erst recht verworren waren. So kam es, daß die von hoher Begeisterung getragenen Bestrebungen an nationalem Wert erheblich einbüßten und die Straßendemokratie allmählich die Herrschaft erhielt. Die Bewegung gewann immer mehr an revolutionärem Charakter.
Die Streitigkeiten in den beiden Kammern wuchsen. Das Märzministerium trat zurück, und der Krieg mit Dänemark brach aus. Nach einer Parade auf dem »Heller« bei Dresden marschierte der größte Teil der sächsischen Truppen nach Schleswig-Holstein. Niemand ahnte, daß ihre Abwesenheit der Hauptstadt verhängnisvoll werden sollte.
Das 1. Linien-Infanterieregiment Prinz Albert war als Besatzung in Dresden zurückgeblieben. –
Kurt hatte von Tante Sidonie erfahren, daß Ursula um seinen regen Verkehr mit Marschalls wußte, und bei seinem Zusammensein mit ihr empfand er, wie sie im stillen litt. Doch berührte sie mit keinem Wort ihren heimlichen Kummer. Wenn die Geliebte ihn errötend empfing, wenn er fühlte, wie sie bei seinen Liebkosungen in bräutlicher Verschämtheit erzitterte, da vergaß er, was ihn so machtvoll in das bürgerliche Haus in der Altstadt zog. Liebevoll hielt er die schlanke Mädchengestalt umfangen und flüsterte Ursula die zärtlichsten Schmeichelnamen zu.
Wenn aber dann die Abschiedsstunde nahte, überfiel Kurt eine seltsame Beklemmung. Er kämpfte mit einer Verlegenheit und wagte nicht, sein baldiges Wiederkommen zu versprechen. In solchen Minuten stand Ursula still an seiner Seite, und in ihre dunkeln Augen, aus denen während der kurzen Stunden ihres Beisammenseins der Widerschein eines unaussprechlichen Glücks geleuchtet hatte, stahl sich eine stumme Klage. In bangem Trennungsschmerz schmiegte sich das Mädchen scheu an den Geliebten und sah dem Scheidenden mit umflortem Blick lange nach.
Aber Ursulas Liebe war nicht nur innig, sondern auch felsenfest. Ihr Vertrauen zu dem Geliebten hieß alle bösen Einflüsterungen schweigen. Zerknirscht empfand Kurt die Seelengröße des Mädchens. Und doch gelang es ihm nicht, sich aufzuraffen und alle Regungen aus seinem Herzen zu reißen, die wider seine reinen Empfindungen für Ursula stritten.
Das Jahr 1849 begann mit einem strengen Winter, dem ein zeitiger, milder Frühling folgte. Weiche Winde strichen durch das Elbtal. Im Großen Garten blühten auf den ausgedehnten Wiesenflächen zwischen saftiggrünen Grashalmen Veilchen und Anemonen. Die Herkulesallee hinauf und hinab bewegte sich an schönen Nachmittagen eine endlose Reihe von Lustwandelnden, die die milde Frühlingsluft und den würzigen Geruch des Erdbodens mit vollen Zügen einatmeten und sich die warme Sonne behaglich ins Gesicht scheinen ließen.
Da sah man Herren im Spenzer oder im großkarrierten Bratenrock, mit riesigen Vatermördern und unförmigen Krawatten, Spazierstöcken mit tombakenem Knauf oder mit dick zusammengewickelten, baumwollenen Regenschirmen.