Appell der Barrikadenkämpfer.

Fünftes Kapitel

In diesen Apriltagen wurde in dem dunkeln Hause in der kleinen Brüdergasse ein Fest begangen: das Marschallsche Ehepaar war vierzig Jahre verheiratet.

Im allgemeinen feierte man in der Biedermeierzeit wenig. Die sprichwörtliche Einfachheit war glänzenden Gastereien abhold. Selbst die Wohlhabendsten liebten nur prunklose Geselligkeit. Aber die hohen Familienfeste wurden doch sehr beachtet.

Der Abend dieses Tages sah bei Marschalls eine größere Anzahl von Freunden und Gevattern vereinigt. Auch Kurt Allmer befand sich unter den Eingeladenen.

Das innerliche Zerwürfnis des jungen Offiziers war im Laufe des Winters immer mehr gewachsen. Seine Besuche im Hause des alten Kriegsrats hatte er freilich mit peinlicher Regelmäßigkeit innegehalten. Kurt empfand, daß sein Herz noch ebenso laut für Ursula schlug, als beim Erwachen seiner Liebe zu ihr. Dennoch waren seine Versuche vergebens gewesen, sich von dem Einfluß zu befreien, den Valentine Marschall auf ihn ausübte. Sein Verhältnis zu ihr war im Gegenteil immer vertrauter geworden.

Diese Unschlüssigkeit bedrückte ihn zuweilen recht schwer. Hier erfüllten ihn der glänzende Geist und die ruhige Sicherheit eines jungen Weibes immer wieder von neuem mit Bewunderung, – dort sah er, abgeschieden von jeder Geselligkeit, ein stilles Mädchen von unerschöpflicher Herzensgüte und mit allen sonstigen Eigenschaften eines wahrhaft edlen Frauengemüts.

So war Kurt Allmer zum Zweifler und Träumer geworden.

Die großen Stuben der Marschallschen Wohnung waren mit Gästen gefüllt, unter denen sich Valentine mit natürlicher Ungezwungenheit bewegte. Ihre reife Gestalt umschloß ein schmuckloses, weißes Kleid, und das zu einem einfachen Knoten geknüpfte, üppige Haar erhöhte die Wirkung ihres ausdrucksvollen Kopfes. Kurt saß abseits in einer Ecke des Zimmers und beobachtete, wie Valentine von einer Gruppe zur andern ging. Wenn sie mit den Gästen sprach, wußte er, daß sie mit Sicherheit für jeden die richtigen Worte fand. Valentine würde nach seiner Überzeugung in einer großen und glänzenden Gesellschaft wahrhafte Triumphe feiern. Für diesen schlichten bürgerlichen Kreis aber erschien sie ihm zu vornehm.

Endlich stand Kurt auf und mischte sich unter die Gäste.