Die Ausstattung der Marschallschen Wohnung war wie in allen bürgerlichen Häusern recht einfach. Die meisten Stuben waren blau oder weiß getüncht. Nur die Wände der beiden besten Zimmer waren seit kurzem mit großblumigen Papiertapeten beklebt, deren Muster – nach dem Urteil der heutigen Zeit – greuliche Geschmacklosigkeit verrieten. Übrigens galt Tapete als unerhörter Luxus. In der guten Stube war sogar eine kornblumenblaue Rosette inmitten einer knallroten Rosenranke in die Mitte der weißen Decke gemalt. Diese ungewöhnliche Verschönerung wurde allseitig beachtet.
Die Möbel bestanden aus Kirschbaumholz. Nur ein kleiner Schreibtisch war von Mahagoni. Auf ihm ruhten viele neidische Blicke.
An den Wänden hingen gute Kupferstiche in einfachen, schwarzen Rahmen und einige tollgemalte Ölbilder. In der guten Stube standen auf Wandbrettern nickende Chinesen und sonstige Porzellanfiguren, daneben Tassen, die rührende Inschriften besaßen. Ein kleiner Tisch trug das übliche Potpourri: eine große Vase, gefüllt mit Rosenblättern und süß duftendem Lavendel. Auch ein umfangreicher Glasschrank war vorhanden. Diese Servante barg zierliche, gläserne Figuren, schöne Tassen, silberne Leuchter – der Familienschatz! – und die Patengeschenke.
Jetzt betrat Kurt das hinterste Zimmer, in dessen Mitte ein runder, einbeiniger Tisch stand. Auf ihm waren Berge von Butterschnitten aufgehäuft; dazwischen befanden sich Teller mit kaltem Aufschnitt. Ein paar Damen halfen der Hausfrau, die Herrlichkeiten so zu ordnen, daß sie schon durch das Auge den Gaumen reizten.
»Meine liebe, gute Marschall,« hörte Kurt eine steinalte Dame sagen, »ich sehe, daß Sie heute recht leichtsinnig gewesen sind. So viel aufzutragen! Hier ist Wurst und da ist Wurst, drüben Käse und hüben Schinken, ja, in der Mitte sogar kalter Braten und – Russischer Salat … O, o! meine Liebe! Na, für heute sei Ihnen Nachsicht gewährt. Man ist nicht alle Tage vierzig Jahre verheiratet. Aber an unsern gewöhnlichen Gastabenden bleibt es bei drei Zulagen und an den Familienfesttagen bei vier. Jede Schüssel darüber kommt unweigerlich unter den Tisch. Mit unserer guten, alten Sitte wollen wir nicht brechen!«
Zur Bekräftigung dieser Worte sah sich die greise Sprecherin nach allen Seiten bedeutungsvoll um. Und die alten und jungen Frauen nickten ihr ernsthaft zu, und es bestand unter allen Übereinstimmung.
Der eiserne Druck, der bis zu den Freiheitskriegen auf Sachsen gelegen, hatte seine wirtschaftlichen Verhältnisse ärger zerrüttet, als die des übrigen Deutschlands. Überall befleißigte man sich großer Sparsamkeit. Die Mittel der Hausfrauen zum Wirtschaften waren außerordentlich gering. Und doch mußten sie auskommen! Sie knapsten, wo sie konnten, und die Tüchtigen unter ihnen verstanden es sogar, im Laufe des Monats noch einige Schwenzelpfennige gut zu machen, wofür sie die Ihrigen an Geburtstagen beschenkten. Das Essen war damals in ganz Sachsen schlecht. Der Dresdner aber galt als der geistigste Esser. –
Da wurde Kurt plötzlich von hinten angesprochen. Es war die im Hause lebende Schwester von Frau Marschall, ein kleines, rundliches Fräulein, das von jedermann Friedchen genannt wurde. Friedchen plauderte viel, lachte gern und war überaus harmlos. Feinde hatte sie nicht. Nur gab es etliche, die behaupteten, Friedchens Gedankenspeicher müsse ganz und gar verbaut sein. Mehr sagten diese Spötter nicht.
»Sie scheinen sich zu langweilen, Herr Leutnant,« versetzte Friedchen vorwurfsvoll. »Finden Sie nicht, daß himmelblaue Schleifen Bürzelchen besser stehen als rosenrote?«