»Der Beschluß des Reichsparlaments,« fuhr Marschall in seiner ruhigen Weise fort, »den König von Preußen zum Deutschen Kaiser zu krönen, bildet, wie ihr wißt, den Hauptteil unseres Programms. Warten wir erst ruhig ab, ob die Fürsten sich untereinander einigen werden. Es muß ihnen schließlich doch selbst daran gelegen sein, ihre Länder unter dem Schutz eines machtvollen deutschen Kaisertums zu regieren!«

Die Gemäßigten stimmten lebhaft bei.

»Nein!« rief Röckel wütend, »die deutschen Fürsten neiden dem vierten Friedrich Wilhelm die Würde und spinnen heimlich Intrigen gegen das Parlament. Spricht man nicht schon davon, daß sie es mit bewaffneter Hand sprengen wollen?«

»Unsinn!« warf Professor Richter ein, der Chefarzt des Klinikums.

»Doch, so ist es!« schrien mehrere Stimmen durcheinander.

»Am Ende besitzen wir doch kein Recht dazu, den Fürsten eine Entschließung aufzudrängen,« sagte Advokat Marschall.

Da sprang Hofbaumeister Semper erregt in die Höhe und beugte sich weit über den Tisch.

»Keine Berechtigung, sagst du? Die Menschheit darf ihre unveräußerlichen Güter fordern, wenn die Machthaber sie ihnen vorenthalten. Alle Völker ringsum haben sich ihre Einheit errungen, wir allein sind noch elend zersplittert. Ohne festen Zusammenschluß um einen kraftvollen, alle Fürsten überragenden Kaiser kommen wir Deutschen nun einmal nicht vorwärts! Jahrhundertelang haben unsere Stammesbrüder gegen sich gekämpft und den Spott des Auslandes auf sich gezogen. Jetzt ist das Wunderbare geschehen, daß das ganze deutsche Volk sich eint und wieder einen Kaiser haben will, einen Kaiser, der die Zügel der Regierung in starke Hände nimmt und uns endlich aufwärts führt. Und da treten uns die Fürsten entgegen,« – hier schlug die Stimme des Sprechenden vor Ergriffenheit um – »da kommen die Fürsten und sagen: Nein, wir wollen nicht, wir wollen selbständig bleiben, weil ein Kaiser unserer Macht Abbruch tut …«

Hofbaumeister Semper konnte nicht weitersprechen. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt. Von tiefer Bewegung übermannt, setzte er sich nieder.