Ebenso wie Advokat Marschall, galt Professor Richter als Vertreter der gemäßigten Partei unter den Demokraten. Deshalb machte es auf die Zuhörer Eindruck, als er jetzt mit tiefem Ernst sagte:

»Semper spricht wahr! Das Volk hat ein Recht darauf, seine Einheit zu fordern, und die Fürsten dürfen sich seinen Wünschen nicht entgegenstellen. Das wäre Verrat am großen deutschen Vaterland! Das Wohl des Volkes steht über den Wünschen der Herrschenden, ihren Dynastien Fortdauer und Machtstellung zu sichern. Doch vermag ich nicht daran zu glauben, daß sich die Fürsten der Kaiserwahl widersetzen sollten. Denn solange der Kaiserthron auf sicheren Füßen steht, wanken auch die kleinen Thronstühle nicht.«

Professor Richter hielt im Sprechen inne und sah sich nach allen Seiten bedeutungsvoll um. Dann fuhr er fort:

»Der Widerstand liegt aber weniger bei den Fürsten, als vielmehr bei ihren Beratern, deren Familien seit Jahrhunderten am Staatsruder sitzen. Das ist noch ein böses Erbstück aus der schwärzesten Zeit des Mittelalters, daß fast ausnahmslos der Adel die höchsten Ämter im Staate einnimmt, obwohl ihn das Bürgertum auf dem Gebiete des Geistes und der erfolgreichen Arbeit schon längst überflügelt hat.«

Diese ruhig gesprochenen Worte fanden großen Beifall; am lautesten stimmte Advokat Lindeman zu.

»Wir müssen von unserer Regierung verlangen,« versetzte er, »daß sie den König nicht beeinflußt, sich der Kaiserkrönung zu widersetzen.«

Röckel, der Hitzkopf, war des gemäßigten Tons dieser Unterhaltung schon längst überdrüssig. Er sprang auf und schrie:

»Verlangen, Lindeman? Das wäre umsonst! Zwingen müssen wir sie! Die Geschichte beweist, daß sich das Gelingen immer nur auf die Seite derer gestellt hat, die in ernsten Zeiten für ihre Sache keine Waschfrauenreden hielten, sondern rücksichtslos handelten. Nun, die Zeiten sind ernst! Und an uns liegt es, ob sie später einmal groß genannt werden sollen!«

Noch hatte sich Röckel trotz seiner hohen Erregung gescheut, mit dürren Worten auszusprechen, was er mit diesem »rücksichtslos handeln« meinte. Doch verstand ihn jeder.

Aber auch Hofbaumeister Semper war des Spielens mit Worten müde.