Freilich saß in der Volksvertretung auch eine beträchtliche Anzahl von Männern, die die Verhandlungen verwirrten oder mit Absicht erschwerten: ehrliche Phantasten, Thronstürzer und hohle Köpfe. Hatte nicht erst jüngst der Abgeordnete Bell die Worte in die Versammlung geschleudert: Ich kenne die Absichten der Regierung nicht, aber ich mißbillige sie! Das hatte die Besonnenen sehr aufgebracht; sie wußten, wie solche Reden der guten Sache schadeten und das Parlament vor aller Welt lächerlich machten.
Auf dem Nachhauseweg stieg der erregte Auftritt noch einmal in seiner ganzen Lebendigkeit in Kurts Erinnerung herauf. Immer wieder gingen seine Gedanken zu Valentine, wie sie streitbar neben ihm gestanden und furchtlos gesprochen. Kurt fühlte sich im Bann des Mädchens. Er liebte die geistige Stärke an der Frau. Ein wenig weibliche Holdseligkeit, wie sie Ursula in hohem Grade besaß, hätte er Valentine gewünscht. Ihr Wesen war grundverschieden gegen das ihrer Altersgenossinnen. Wenn Kurt Valentine aber mit den meisten Töchtern der höheren Stände verglich, wenn er an deren engen Gesichtskreis dachte, an ihr Läppischtun und an ihre Saumseligkeit, mit der sie tändelnd die Tage und Jahre hinlebten, so empfand er deutlich, daß Valentine hoch über allen diesen Mädchen stand.
Auch der Reden gedachte Kurt noch einmal, die er heute gehört. Waren denn die politischen Verhältnisse in Wahrheit so schlimm, daß die Erregung des Volks bis zu dieser bedrohlichen Höhe anwachsen durfte?
Sicherlich hatten die Regierenden hier und anderswo Mißgriffe getan. Ihr geringes Verständnis für die Wünsche des Landes hatte viel böses Blut gemacht. Der Drang des Volkes nach freiheitlicheren Staatsformen wurde von oben herab stark bekämpft. Man glaubte dort, selbst die maßvollsten Forderungen seien nichts anderes als versteckte Attentate auf das monarchische Regiment. Alles sei nur darauf gerichtet, das Bestehende umzustürzen und nach den Ideen einiger zügelloser Schwärmer von Grund auf neu zu gestalten. Daß die Bewegung, trotzdem man sie scharf bekämpfte, aber immer weiter um sich griff, und immer mehr Männer von Bedeutung sich ihr anschlossen, hätte die Regierung doch stutzig machen müssen! – So spann der junge Mann seine Gedanken weiter.
Wohl gab es auch Minister, die den Ernst der politischen Lage erkannten. Aber diese verschwindende Minderzahl erwies sich tatsächlich als ohnmächtig, die regierenden Kreise zu beeinflussen. Sie unterwarfen sich entweder gegen ihre Überzeugung dem starken System oder nahmen ihren Abschied. Es stand in dieser drangvollen Zeit keiner auf, der die Kraft besessen hätte, wahrhaft Großes zu vollbringen. Die feudalen Herren draußen im Lande und im Regierungsapparat bangten vor jedem kleinen Zugeständnis, aus Besorgnis, ihre jahrhundertealten Rechte geschmälert zu sehen.
Und der König? Kurt kannte den Gerechtigkeitssinn Friedrich Augusts und wußte, daß er für das Wohl seines sächsischen Volkes ein warmes Herz hatte. Zudem waren dem jungen Offizier Anhänglichkeit und Liebe zum Herrscherhaus vererbt und mit seinem Blut unzertrennlich verbunden. Soweit sich die Geschichte seines Geschlechts verfolgen ließ, hatten die Allmer im Heeres- und Staatsdienst in guten und bösen Zeiten treu zum Hause Wettin gestanden. Ihnen nachzueifern war für ihn nicht nur Bedürfnis, sondern auch Ehrenpflicht! Und Kurt war bereit, für den König sein Alles ebenso bereitwillig hinzugeben, wie es seine Vorfahren getan hatten. Der Name Allmer mußte seinen alten guten Klang behalten!
Wie stellten sich nun aber die Führer der großen Bewegung zu der Person des Königs? Das wußte Kurt freilich nicht. Und er fühlte eine leise Beklemmung. Wenn sich der Zorn der Unzufriedenen gegen den König richtete, dann würde er sich von ihnen wenden.
Doch nein! Es war ja heute abend wiederholt ausgesprochen worden, der Unwille des Volkes gelte allein den Ratgebern des Königs. Man klagte sie an, daß sie Friedrich August gegen die Kaiserkrönung argwöhnisch gemacht hätten und ihn in seinem Widerstand bestärkten. Dazu wären sie ängstlich darauf bedacht, die wirkliche Stimmung im Volke vor ihm zu verbergen. Den falschen Dienern der Krone also zürnte man, nicht dem Monarchen.
Das waren Kurt Allmers Betrachtungen über die tiefgehenden Strömungen dieser bewegten Zeit. Und ebenso arglos urteilten viele Tausend andere, darunter Männer, die lebenserfahrener waren, als ein junger Offizier. In Vieler Herzen brannte das ungestillte Sehnen nach einem Frieden, der die Wünsche des Volkes erfüllte, ohne das Ansehen des Königs zu schmälern.
Diese Freunde einer gütlichen Schlichtung des endlosen Haders vermochten aber nicht, in die gährenden Tiefen der Bewegung zu schauen. Sie hätten sich mit Entsetzen von dem Anblick des aufgehäuften Zündstoffs gewendet, in den nur ein lichter Funke zu fallen brauchte, um ihn aufflammen zu lassen.