Kurt konnte die peinliche Überraschung nicht verbergen, die ihm diese Mitteilung bereitete. Zwar hatte er schon bei Marschalls die Befürchtung aussprechen hören, an der unentschlossenen Haltung der Fürsten möchte das große Werk der Einigung aller deutschen Stämme scheitern. Dennoch glaubte man allgemein, daß der König von Preußen dem Drängen des Volkes nachgeben und die angebotene Krone annehmen würde. Und nun hatte er sie doch ausgeschlagen!
»Die Ablehnung zu dieser Stunde kommt mehr wie ungelegen,« bemerkte er, »denn alle Welt wird glauben, daß es nur am Widerstand der Fürsten liegt, wenn Friedrich Wilhelm sich zur Annahme der Kaiserkrone nicht bereit erklärt hat.«
»Das ist zweifellos auch der alleinige Grund,« entgegnete Valentine bestimmt. »Warum sollte Friedrich Wilhelm die ihm vom Reichsparlament angetragene Würde sonst ablehnen? Weiß er doch, daß die Krönung der Wunsch aller ist! Das ganze deutsche Volk wird die wahre Ursache der Ablehnung erkennen und wie einen Schlag ins Gesicht empfinden. Und wer hat in der Tat die ungeheuerliche Kränkung dem Volke bereitet? Niemand anders, als die Fürsten mitsamt ihren Regierungen!«
Während dieser Unterhaltung waren sie die Antonstraße hinabgeschritten. An der Ecke der Querallee blieb Valentine stehen.
»Hier bin ich angelangt,« sagte sie, ihren Arm aus dem ihres Begleiter ziehend.
Kurt hatte Valentinens Erregung aus ihren Worten deutlich herausgehört. Er begriff die starke Verstimmung des Mädchens. Aber der Ton, in dem sie gesprochen, war ein Mißklang, der ihm das nämliche Unbehagen bereitete, das er schon gestern empfunden, als Valentine die offene Gewalt als das letzte Mittel bezeichnet hatte. Gewiß schätzte er ihren starken Charakter! Hier aber fühlte er, daß sie aus Eifer für das Gelingen des großen nationalen Gedankens die Wahrung ihrer weiblichen Würde vergaß. Das schmerzte ihn! Und es lag Weichheit und Wärme in seiner Stimme, als er plötzlich sagte:
»Ich kann es recht wohl begreifen, Fräulein Valentine, wenn Sie jetzt bitter enttäuscht sind. Denn Sie haben aus natürlicher Neigung und weil ihre häuslichen Verhältnisse Sie von Jugend auf darin bestärkten, der nationalen Bewegung viel größeres Interesse gewidmet, als andere Frauen. Begeisterung für eine edle Sache verrät immer ein empfindsames Herz. Wenn sich aber ein Weib in dem Maße, wie Sie es getan, in den politischen Kampf begibt, dann reißt sie der Eifer nur zu leicht über die Schranken hinweg, die ihr die Natur gezogen hat. Warmes Mitgefühl für die Sache des Volkes in bewegten Zeiten ziert auch die Frau. Aber der Mann sieht es doch lieber, wenn sie abseits vom Tageslärm steht und ihre weibliche Würde sorgfältig wahrt. Würden Sie nicht besser tun, das offene Eintreten für die Rechte des Volkes den Männern zu überlassen?«
Valentinens Erstaunen war während dieser Worte immer mehr gewachsen. Eine maßlose Gereiztheit hatte sich ihrer bemächtigt, und die scharfe Entgegnung lag ihr schon auf der Zunge, mit der sie Kurts Ratschlag zurückweisen wollte. Da bemerkte sie, wie sein Blick ernst, aber voll ehrlicher Anteilnahme auf ihr haftete.
Eine kurze Weile ruhten beider Augen fest ineinander. Dann senkte Valentine den Blick und Kurt sah, wie eine dunkle Röte in ihr Gesicht schlug. Da trat er im plötzlichen Aufwallen warmen Mitgefühls dicht an das Mädchen heran und berührte mit den Lippen ihre Stirn.
»Liebe Valentine,« sagte er leise und mit bewegter Stimme, »ich wollte Ihnen bei Gott nicht weh tun …«