Am darauffolgenden Tag, einem Sonntag, zog der Dresdner, wie er es bei seinem sprichwörtlichen Familiensinn gewohnt war, bald nach dem Mittagessen mit Kind und Kegel hinaus vor die Tore.

Innerhalb der Stadt bildete die Brühlsche Terrasse den Hauptanziehungspunkt. Auf dem Belvedere wurde vom frühen Nachmittag an Musik gemacht. Die Gäste saßen eng zusammengedrängt friedlich beieinander, aßen zu den mitgebrachten Semmelzeilen dünngeschnittene Zwiebelwurstscheiben und tranken Weißbier oder Kaffee.

Nach dem Essen wurde die Zigarre in Brand gesteckt. Hierzu dienten fingerlange Schwefelhölzer, deren giftgrüne Kuppen einmal ums andere fortsprangen und auf den Kleidern ernsthafte Schadenfeuer anrichteten. Deshalb galt es auf der Hut zu sein und jeden dieser Ausreißer durch rasches Daraufschlagen unschädlich zu machen. Obendrein beleidigte der verbrennende Phosphor empfindlich die Nase. Wer am guten Alten festhielt, zog die kurze Stummelpfeife und den Tabaksbeutel von Schweinsblase aus den Tiefen der baumelnden Rockschöße und paffte Portoriko oder den beißenden Varinaskanaster seelenvergnügt in die Luft.

Als Unterhaltungsstoff dienten natürlich die sich immer mehr zuspitzenden politischen Tagesereignisse.

Gegen Abend machte sich alles wieder auf den Heimweg. Der Mann nahm die Kinderwagendeichsel in die Hand und zog unverdrossen daran; die herangewachsene Nachkommenschaft jagte als Eskorte nebenher, und den Schluß des Zuges bildete die Mutter mit dem ärgsten Schreier auf dem Arm. Um sieben Uhr wurde zu Hause das bescheidene Abendbrot gegessen. Danach ging man bald schlafen, um am andern Morgen für das Tagewerk der beginnenden Woche wieder gekräftigt zu sein.

Einige verzehrten das Abendbrot draußen. Die mußten es schon faustdick haben, obwohl nur sechsunddreißig Pfennige genügten, daß der Dresdner Bürger sich delektieren konnte: achtzehn Pfennig für eine Portion Sauerbraten und ebensoviel für eine große Lase Bier.

Die großen Kaffeegärten außerhalb der Stadt waren an schönen Sonntagen bis auf den letzten Platz gefüllt. Da wurde aber politisiert! Glücklicherweise hat bei den streitbaren Sachsen der Kaffee niemals als ein aufregendes Element gewirkt. Das ist eine der wenigen Tatsachen, über die bis heutigen Tages unter allen Völkern, gleichviel welcher Hautfarbe und von welchem Glaubensbekenntnis, wohltuende Übereinstimmung herrscht. Dafür sind aber auch dortzulande die Kaffeekannen viel größer als anderswo.

Wer gemächlich spazieren gehen wollte, ging bis zu Brechlings an der Vogelwiese, oder in das Ostragehege, oder bis zur »Goldenen Sonne« auf den Scheunenhöfen. Besonders Rüstige dehnten den Spaziergang bis zum »Schusterhaus« aus. Auch das »Waldschlößchen« war ein beliebtes Ziel für weitere Ausflüge, ebenso »Kammerdieners« und die »Grüne Tanne« am Eingang der Dresdener Heide. Selbst bis auf das »Lämmchen« liefen welche. Ja, es gab etliche, die marschierten bis Blasewitz, ließen sich dort nach Loschwitz über die Elbe setzen und klimmten den Plattleitenweg empor bis zum »Weißen Hirsch«, um alsdann über die Mordgrundbrücke und an der Saloppe vorbei nach Hause zurückzukehren.

Aber das waren Gewaltleistungen, die in dieser gemächlichen Zeit wenig Nachahmer fanden. Wer sie glaubhaft nachweisen konnte, forderte die stille Bewunderung seiner Zuhörer stärker heraus, als heutzutage ein Afrikareisender mit seinen Berichten.