»Was früher galt, braucht aber heute nicht mehr gut zu sein,« warf Heinrich ein.

»Das ist es ja,« ereiferte sich Mißbach, »was die Unzufriedenen immer sagen. Aber bisher ist es gegangen, warum sollte es so nicht weitergehen? Sie behaupten, alles müsse mit der Zeit fortschreiten, auch die Staatseinrichtungen. Die Freiheit des Bürgers sei eingeschränkt. Nun frage ich einen Menschen, wer sie einschränkt. Der Staat? Ja, womit denn! Der hätte viel zu tun, wenn er sich um den Einzelnen kümmern wollte. Wer bloß ordentlich für Frau und Kind sorgt, seine Steuern pünktlich bezahlt und Achtung vor dem Gesetz hat, der bleibt ungeschoren und hat seine Freiheit.«

Mißbachs lebhafte Augen blieben hier auf Heinrich ruhen.

Das Gesicht des Jungen gefiel ihm nicht! Es sah aus, als wenn er den Worten des Vaters nicht glaube.

»Aber Zucht muß sein,« fuhr er ärgerlich fort. »Sonst gibt's Mord und Todschlag.«

»Es ist viel Armut im Lande,« versetzte Heinrich bescheiden. »Durch freiheitlichere Gesetze soll den Notleidenden geholfen werden. Der Wohlstand würde sich damit heben, sagen die Leute.«

Feldwebel Mißbach lachte gezwungen.

»Du redest wie ein Buch, Junge. Laß diese Gedanken fahren, rate ich dir! Der Wohlstand soll sich heben? Ist nicht alles schon viel besser geworden? Du lieber Gott! Wenn ich daran denke, wie es vor dreißig Jahren war. Damals konnte man wirklich von schlechten Zeiten sprechen. Da nährte sich eine Familie von dicken Erbsen, Kartoffeln mit Salz und Kaffee. Und doch wurden die Kinder groß und stark dabei! Und wie ist es heute dagegen? Jeden Tag kann der arme Mann natürlich nicht Fleisch essen. Aber er wird satt, und das ist die Hauptsache. Und zu einem Stückchen Streuselkuchen Sonntagnachmittags reicht es bei vielen.«

Da richtete sich Linchen plötzlich auf und sah über die Nebensitzenden hinweg. Durch den Mittelgang des Gartens schritt Valentine, ihr hinterdrein Madam Marschall. Feldwebel Mißbach, der ebenfalls auf die Kommenden aufmerksam geworden war, zog die Augenbrauen zusammen.