Das Mädchen stellte die Tasse schweigend wieder auf den Platz zurück. Beim Hinaufreichen klirrte das Geschirr in ihrer Hand; ihr Arm mochte wohl zittern.
Karoline Mißbach zählte vierunddreißig Jahre. Sie war klein und ein wenig verwachsen.
Heinrich beobachtete seine Schwester verstohlen; er fühlte, daß er sie mit seiner Antwort betrübt hatte. Und es schien ihm, als ob der alte Leidenszug auf ihrem Gesicht heute tiefer ausgeprägt sei, denn sonst. Sie war vor dem Tellerbrett stehengeblieben und wandte ihm den Rücken. Der Anblick ihrer hinfälligen Gestalt und ihre ergebene Haltung schnitten ihm ins Herz.
Mit ein paar langen Schritten war er an ihrer Seite, faßte sie um die Schultern und zog sie an sich.
»Linchen,« sagte er leise und in weichem Ton, »sei nicht so traurig. Es tut mir doch weh, wenn ich's mit ansehen muß.«
Das ältliche Mädchen lehnte den Kopf an die Brust des großen Bruders und sah mit dem Ausdruck eines unsäglichen Glücksgefühls zu ihm auf. Ihr Gesicht war verhärmt und unschön. Aber aus ihren großen Augen strahlte unerschöpfliche Herzensgüte. Jetzt schimmerten diese Augen in feuchtem Glanz.
»Wenn du doch öfters zu mir kommen wolltest, Heinrich!« sagte sie leise. Da schwieg sie auch schon wieder, weil sie den Vorwurf empfand, der in ihren Worten lag. Sie entwand sich den Armen des Bruders und hantierte verlegen vor dem Tellerschrank herum.
Heinrich Mißbach kehrte zum Ofen zurück. Er war ein großer, breitschultriger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren mit schwerfälligen Bewegungen.