»Ich als Ihr Kompagnieführer soll Sie beurlauben? Selbst der Oberst könnte es nicht, wenn Sie ihn darum bäten.«

Und als er Kurts peinliche Enttäuschung bemerkte, setzte er leiser hinzu:

»Helfen Sie sich allein, lieber Allmer. In Uniform gehen Sie aber nicht! Ziehen Sie rasch Ihr Zivil an und machen Sie's kurz. Und seien Sie auf den Straßen vorsichtig. Wie es heißt, sind in Altstadt alle Teufel losgelassen.«

Kurt erwiderte den freundschaftlichen Rat mit einem dankbaren Blick und drückte Wetzigs dargebotene Hand. Dann entfernte er sich unauffällig aus dem Kasino. Eine Viertelstunde später verließ er in Zivilkleidung die Kaserne.

Der Abend war hereingebrochen. Auf der Allee drängten sich die Menschen. In Altstadt herrschte ein Getümmel, wie es Kurt noch nicht erlebt hatte. Auf dem Schloßplatz, im Georgentor und in der Schloßgasse scholl unausgesetzt wüster Lärm. Große Scharen halbwüchsiger Burschen zogen Arm in Arm an ihm vorbei, pfeifend und brüllend. Unanständige Lieder wurden gesungen und drohende Rufe gegen den König und die Regierung ausgestoßen. An der Ecke des Taschenbergs stand gegenüber dem Schloß ein großer Haufe, der unzählige Hochs auf die abgedankten Minister ausbrachte.

Unmittelbar vor der kleinen Brüdergasse wurde Kurt durch eine neue Zusammenrottung wiederum am schnellen Vorwärtskommen gehindert. Hier riß der Pöbel unter betäubendem Lärm das Straßenpflaster auf und errichtete neben dem Hotel Stadt Gotha – quer über die Schloßgasse – mit Hilfe der granitnen Trottoirplatten eine hohe Barrikade. Auf ihrer Brüstung stand ein einzelner Mann, der die Arbeitenden unterwies, wie sie den Bau aufzurichten hätten, um ihn besonders stark zu machen.

Kurt kannte den Mann auf der Barrikade; es war der Hofbaumeister Semper.

Endlich hatte Kurt das Marschallsche Haus erreicht. Schnell stieg er die dunkeln Treppen hinauf und trat durch die nur angelehnte Tür ein. Die Wohnung schien verlassen. Auch im Vorsaal war es finster. Nur durch die Ritzen einer Tür drang ein Lichtschimmer.

Kurt schritt auf diese Tür zu. Da hörte er, wie in dem Zimmer auf dem Klavier ein paar leise Akkorde angeschlagen wurden und wie darauf der gedämpfte Gesang einer Frauenstimme ertönte:

Und ob die Wolke sie verhülle,
Die Sonne bleibt am Himmelszelt …