Nach beendeter Abendmahlzeit stand Georg Waltklinger auf, streichelte Sonnhild liebevoll das Haar und drückte ihr den gewohnten Gutenachtkuß auf die Stirn. Dann ging er nach dem Ratskeller. Denn der heutige Tag war hoch bedeutsam, der denkwürdigste vielleicht, den das lebende Geschlecht feiern durfte. Herzog Heinrich hatte ja dem Lande die Reformation geschenkt!
Draußen war es dunkel und still geworden. Da überkam Sonnhild mit einem Male eine tiefe Sehnsucht, den Platz aufzusuchen, wo sie von dem Geliebten Abschied genommen.
Mit fliegender Hast eilte sie in ihre Kammer, schlang ein Tuch um die Schultern und stahl sich aus dem Hause. Die köstliche Luft des Sommerabends mit tiefen Zügen einatmend, schritt sie quer über den Markt und die Burggasse hinauf.
Der Mond war in einer schmalen Sichel aufgegangen und beleuchtete die Gassen hinreichend. Nur die im Schatten liegenden Häuserreihen waren in tiefes Dunkel getaucht. Aus den Schenken schallte Lärm, und durch die Fenster drang das Licht auf die Gasse. Sonnhild begegnete nur ein paar verspätet Heimkehrenden. Wenn sie an ihnen vorüberging, zog sie das Tuch sorgsam über das Gesicht.
So erreichte sie den Hohlweg. Als sie seine Steigung mit verlangsamten Schritten zurücklegte, hallte ihr Tritt leise von den hohen Mauern zurück. In diese schmale Schlucht fiel kein Lichtstrahl. Kaum konnte das Auge in der pechschwarzen Finsternis das Nächstliegende unterscheiden. Nichts regte sich; Kirchhofsstille. Sonnhild fühlte eine leise Beklemmung. Aber der Gedanke an den Geliebten verlieh ihr Mut.
Da hatte sie den Ausgang des Hohlwegs erreicht, und nun schimmerte in kurzer Entfernung vor ihr das matte Licht der Lampe des Torwarts vom Lommatzscher Tor.
Schon wollte sich Sonnhild linksab wenden, um dem Wege zu folgen, der am Afrakloster vorbei über den Domplatz zum Schlosse führte, als sie plötzlich jäh stehen blieb. Zu ihrer Linken hatte sich von der hohen Mauer ein Schatten gelöst, der durch die tiefe Dunkelheit unhörbar auf sie zukam. Ein furchtbares Angstgefühl überfiel das Mädchen. Sie wollte fliehen, aber ihre Glieder waren wie gelähmt.
Jetzt stand die Gestalt dicht vor ihr. Das Mondlicht fiel ihr voll ins Gesicht. Sonnhild fühlte, wie ihr Herzschlag aussetzte: sie sah in ein erschreckend bleiches Antlitz, aus dem ein Paar tiefliegender Augen sie starr betrachteten. Blitzschnell erinnerte sie sich des Abschiedes von Bernhard, bei dem diese Augen aus dem nahen Gebüsch heraus drohend auf sie gerichtet waren.