Das unbekannte Mädchen zuckte zusammen. Es hatte seine Todfeindin erkannt. Eine dämonische Freude schoß in das ausgezehrte Gesicht, und in den großen Augen flackerte es auf. Da stieß Sonnhild einen durchdringenden Schrei aus und lief davon, so schnell ihre Füße sie trugen. Das Judenmädchen aber eilte ihr in wilder Jagd hinterdrein.
Das Gattertor zum Friedhof vor dem Sankt Afrakloster stand offen. Sonnhild fuhr hinein und eilte zwischen den Gräbern hin, den Weg verfehlend. Die herabhängenden Zweige der Trauerweiden peitschten ihr Gesicht, und die Dornen der Rosenbüsche zerrissen ihre Kleider und Hände. Aber nur vorwärts! Dicht hinter ihr keuchte die Verfolgerin. Da hatte diese die Fliehende erreicht. Sonnhild fühlte, wie eine abgemagerte, heiße Hand ihre Schulter umklammerte … Noch einmal verlieh ihr die Verzweiflung Riesenkräfte. Mit ein paar wilden Sätzen gewann sie wieder einen kleinen Vorsprung, wobei ihr die umklammernde Hand das Tuch von der Schulter riß.
Eine weit geöffnete Pforte gähnte der Geängstigten tiefschwarz entgegen; – hinein! Wie Schatten huschten die beiden Frauen durch den langgestreckten Kreuzgang und zum hinteren Tor hinaus wieder ins Freie. Von neuem ging die rasende Flucht die Gänge des Friedhofs entlang und im Sprung über Grabhügel hinweg, durch das Gattertor auf die Straße zum Hohlweg zurück. Mit unverminderter Geschwindigkeit flogen sie den abschüssigen Weg hinab, in der pechschwarzen Finsternis nur durch die tiefen Atemstöße die Gegenwart des andern erkennend.
Am Ende des Hohlwegs befand sich das Terminhaus der Freiberger Dominikaner, das Stationshaus für den Bettelbezirk. Ein trübbrennendes Lämpchen hing jetzt über der Tür.
Pfeilschnell schoß Sonnhild darauf zu. Aber ihre Kraft war erschöpft, sie fühlte, daß sie nach wenigen Schritten zusammenbrechen mußte. Doch das Schnaufen der Verfolgerin trieb sie weiter.
Da sah Sonnhild im Näherkommen, wie von der Burggasse her ein Weib auf den schwachen Lichtkreis zuschritt. In der nächsten Sekunde war sie bei ihr.
»Helft, Frau! Um Gottes willen, erbarmt Euch!« stieß die Todesmatte aus und sank auf dem kleinen Platz nieder.
Verwundert blickte die Fremde auf das zusammengebrochene Mädchen. Da flog eine zweite Gestalt atemlos heran und war im Begriff, sich auf die Liegende zu stürzen, als das Weib dazwischentrat.
»Mirjam!«
Die Rasende prallte zurück.