Mit diesen Worten wandte er sich rasch ab und verschwand in der Menge.
Sonnhild sah dem Davonschreitenden mit warmen Blicken nach. Und selbst dann, als sie seine Gestalt in dem Gewühl nicht mehr unterscheiden konnte, stand sie noch eine Weile traumverloren. Endlich erinnerte sie sich des Ringleins und verließ mit schnellen Schritten den Festplatz.
Zu Hause angekommen begab sich Sonnhild heimlich in ihre Kammer und verriegelte die Tür hinter sich. Dann lauschte sie atemlos. Ob die alte Hanne ihr Kommen gehört hatte? Nichts regte sich. Alles blieb still, als wäre das große Haus mit den vielen Stuben und dunkeln Winkeln ausgestorben. Die Hanne saß gewiß strickend auf dem Lustgänglein in ihrem bequemen Stuhl. Und die Mägde weilten noch auf dem Festplatze.
Jetzt trat Sonnhild zum Fenster und zog den Ring hervor, ein eben nicht breiter goldener Reif und ein kleines Kunstwerk. Er stellte eine Schlange dar, die sich in den Schwanz biß – das Symbol der ewigen Liebe. Der immer schwächer verlaufende Leib war mit kunstvoll geschliffenen, überaus zierlichen Edelsteinen besetzt, die den Schuppenpanzer der Schlange darstellen sollten. Der Kopf des Tieres war abgeplattet, und die Augen bildeten zwei köstliche Rubinchen, von denen purpurleuchtende Strahlen ausgingen.
Das Mädchen stand wie geblendet. Dieser wunderschöne Ring! Keiner der ihrigen, soviel sie als vornehme Bürgerstochter deren auch besaß, glich ihm an Schönheit. Und dazu kam er von dem Geliebten! Sein Auge hatte auf ihm geruht und seine Hand ihn berührt. Im Überschwang ihrer Gefühle preßte Sonnhild einen Kuß auf das köstliche Liebeszeichen, und in ihren großen Augen schimmerten Freudentränen.
Dann entnahm sie einem aus Zedernholz gefertigten und mit Perlmuttereinlagen kunstvoll verzierten Schmuckkasten, der bis zum Rande mit Kostbarkeiten angefüllt war, eine dünne, goldene Kette und zog sie durch den Ring. Hierauf betrachtete sie ihn noch lange mit zärtlichen Augen, und es war dem Mädchen, als ob sie Zwiesprache mit dem Ringe halten könne.
Er erzählte ihr, wie oft der ferne Geliebte ihrer gedenke, und daß er zuweilen leise ihren Namen flüsterte. Und Bernhards feines, blasses Antlitz stieg vor Sonnhilds Geist herauf. Sie sah es in edlem Zorn wie mit Blut übergossen, als er hoch zu Roß, alle Gefahr verachtend, in die wütendes Menge hineinsprengte, sein Leben für einen arg Bedrängten aufs Spiel setzend. Denn wie leicht hätte sich die Leidenschaft des Volkshaufens gegen ihn kehren können! Das Mädchen erschauerte.
Die Dämmerung stahl sich herein, und Sonnhild hörte, wie die Besucher des Festplatzes in die Stadt zurückkehrten. Da hing sie das Kettlein um den entblößten Hals und barg den Ring an ihrem Herzen. Denn sie mußte ihn vor dem Auge des argwöhnenden Vaters verborgen halten.
Darauf kühlte sie die brennenden Augen und begab sich in das Familienzimmer.