Vierzehntes Kapitel
Nächtlicher Besuch im Dom
Den Burgemeister Waltklinger nahmen in diesen Tagen seine Amtsgeschäfte stark in Anspruch. Der Ruf seiner Tüchtigkeit als Stadtoberhaupt war auch zum Herzog Heinrich gedrungen. Und obwohl dieser ihn nicht kannte, schätzte er ihn. Denn es war wertvoll, gerade in Meißen, der Residenz des Bischofs, jetzt einen energischen und zuverlässigen Burgemeister zu wissen.
Zwar war der rechtmäßige Vertreter der Landesregierung der Amtmann. Und an Ernst von Miltitz' treuer Pflichterfüllung und Anhänglichkeit an das Herrscherhaus wurde nicht gezweifelt.
Ob nun aber die Regierung in Dresden es vorzog, sich an den Burgemeister Waltklinger wegen seines großen Einflusses auf die Bürgerschaft Meißens und wegen seines Eifers für die neue Lehre unmittelbar zu wenden, oder ob sie das religiöse Empfinden des katholischen Amtmanns schonen wollte – genug, jedenfalls wurde in diesen Tagen der Rat der Stadt mit der Ausführung von Herzoglichen Verordnungen betraut, deren Vollziehung zu andern Zeiten dem Amtmann zufiel.
Darüber herrschte unter den Ratmannen lebhafte Befriedigung, denn der Vorzug, der ihrem Burgemeister solchergestalt wurde, schmeichelte ihrem Stolz. Unter der Einwohnerschaft lief sogar das Gerücht herum, Ernst von Miltitz sei beim Herzog in Ungnade gefallen, worüber manch einer leise Schadenfreude empfand.
Obzwar die Stadt der Tüchtigkeit des Amtmanns manche Verbesserung verdankte, wurde doch andrerseits sein straffes Regiment als lästig empfunden. Zudem war er Katholik! Und gerade in diesen kriegerischen Tagen, nachdem man so lange für das neue Evangelium gestritten und so viele Demütigungen durch den fanatischen Klerus erlitten hatte, genügte schon die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, um einem Mann die Volksgunst zu entziehen.
Eines Vormittags erschienen im Hause des Burgemeisters zwei Ratmannen, Peter Sorgenfrei, der reiche Fleischhauer, und der alte Niclas Anesorge. Sie trafen ihn natürlich bei der Arbeit. Georg Waltklinger legte die Arbeitsschürze ab und geleitete seinen Besuch nach einer der Prunkstuben im ersten Stockwerk. Hier setzten sie sich an den runden Tisch.
Das Temperament dieser beiden Ratmannen war grundverschieden. Niclas Anesorge war der bekannte Brausekopf, der sich trotz seiner hohen Jahre leicht zu Unüberlegtheiten hinreißen ließ. Der am Ausgang der Fünfziger stehende Peter Sorgenfrei hingegen war bedächtig in Wort und Tat, aber von einer zähen Ausdauer. Er besaß einen hünenhaften Körper, und seine Bewegungen waren schwerfällig. Seine Familie galt als eine der ältesten der Stadt.