Die beiden Ratsherren horchten mit Spannung auf des Burgemeisters Erzählung. Dieser fuhr fort:

»Nun ist unlängst der angekündigte Prediger Jonas in aller Stille angekommen und Rudolf von Rechenberg als weltlicher Rat ihm zur Seite. Diese beiden sind vor den Bischof getreten und haben unter Berufung auf die Verordnung des Landesfürsten von ihm die Abtretung des Doms verlangt. Darüber ist der geistliche Herr etwas aus dem Häuschen geraten, und er soll die herzoglichen Abgesandten wenig manierlich angehaucht haben. Mit um so größerer Ruhe haben diese die Forderung wiederholt und Gewaltmaßregeln in Aussicht gestellt. Der entrüstete Bischof ist daraufhin so lebhaft geworden, daß alle Domherren nacheinander herbeigelaufen sind. Und nun war das Gezeter natürlich groß.

Der Dom ist kirchliches Eigentum, hat der Bischof einmal über das andere gerufen. Nein, hat Rudolf von Rechenberg ruhig geantwortet, er ist von den Spenden und Abgaben des Volkes erbauet worden und Eigentum des Landes. Den kirchlichen Vertretern wurde er alsdann zur Benutzung übergeben.

Wir werden das Gotteshaus nicht herausgeben, hat der zornige Priester gewettert, auf daß es nicht entweihet werde.

In dem ehrwürdigen Bau, hat darauf Rechenberg erwidert, werde auch in Zukunft dem allmächtigen Gott ebenso ergeben und inbrünstig gedient werden, wie bisher. Und die göttliche Liebe und Gnade werde sich auch über die neue Gemeinde ausgießen. Die Diener der katholischen Kirche möchten nur ruhig das Gotteshaus verlassen und die felsenfeste Überzeugung mitnehmen, daß der Dom für alle Zeiten eine geweihte Stätte bleiben werde. Nicht Stein und Eisen stempelten den Bau zur Kirche, sondern der lebendige Geist, den das göttliche Wort in den Seelen der in ihm Versammelten erzeuget.«

Georg Waltklinger machte eine Pause.

»Ihr werdet nun wissen wollen,« begann er wieder, »woher ich dies alles so gut kenne. Hört den Schluß meiner Erzählung, woraus hervorgehen wird, daß bei der Ausführung der Herzoglichen Verordnung ich selbst mitgewirkt habe.«

Die Zuhörer fuhren überrascht auf, versuchten aber nicht, den Fluß der Rede mit unnützen Fragen aufzuhalten.

»Die beiden Abgesandten des Herzogs hatten dem Bischof die Frist von dreimal vierundzwanzig Stunden gestellt. Nach Ablauf dieser Zeit sollten alle Merkmale des katholischen Glaubens aus dem Dom entfernt sein. Dies geschah nicht. Vernehmt nun, wie Herzog Heinrich seinem landesherrlichen Ansehen Nachdruck verschafft.

Verwichene Nacht, es mochte gegen ein Uhr in der Frühe sein, tönt der eiserne Klopfer an meinem Haustor sehr vernehmlich dreimal. Ich verlasse das Bett, kleide mich rasch an und öffne. Ein Mann tritt in den Flur. Beim Schein der flackernden Kerze erkenne ich Herrn Rudolf von Rechenberg.