›Herr Burgemeister,‹ spricht dieser, ›ich ersuche Euch, mit mir zu gehen. Auf herzogliche Weisung bedarf ich Eurer Zeugenschaft als bestallter Vertreter der Stadt Meißen.‹

Ich werfe meinen Nachtmantel über, und wenige Minuten darauf schreiten wir durch die Burggasse und die Stiegen hinauf nach dem Schloß. Kein lebendes Wesen war zu sehen. Auf dem Domplatz begegnet uns ein Mann. – ›Herr Jonas, es kann beginnen‹, sagt Rudolf von Rechenberg.

Da sehe ich vor der offenen Dompforte eine Schar Leute, zehn oder zwölf, und sechs bewaffnete Burgknechte, die den Eingang bewachen.

Nun treten wir in das Innere des Doms. Zunder flammt auf, und beim Schein von Pechfackeln geht es vorwärts. Unsere Tritte hallen durch das nächtliche Schweigen von den hohen Mauern zurück.

Wir stehen vor dem Altar. Herr Rudolf von Rechenberg läßt alles von ihm entfernen, was an Sonderheiten der katholischen Lehre vorhanden. Schweigend packen die Männer die Geräte in bereitgehaltene Körbe, – Altardecke, Paramente, Monstranz, Glocken, Weihrauchkessel, Patenen, Peristerium und das Aquamanile. Auch der Reliquienschrein wird entfernt und noch mancherlei dazu.

Herr Jonas bezeichnet die Gegenstände, und Rechenberg befiehlt, sie wegzuräumen.

Endlich ist scheinbar alles getan. Da ruft Herr Rudolf von Rechenberg einige Männer zu sich, ihres Zeichens Steinmetzen, wie ich alsbald erkennen sollte. Mit diesen begibt er sich zum Grabe des heiligen Benno und weist die Leute an, es zu entfernen. Sie werfen ihre Kittel ab, und nun hallen die Schläge von Hammer und Meißel durch die Stille, bis der tote Bischof den Platz geräumt hat und sein Grabmal dem Erdboden gleich gemacht ist. Die entfernten Steinbilder werden gleichfalls sorgsam in Körbe verpackt.

Nun, Herr Jonas, hebt Rechenberg an, ist das Werk vollendet? Der Wittenberger Theolog schaut sich lange um. Es ist getan, sagt er endlich.

Da läßt Herr von Rechenberg die Körbe schließen. Tragt sie nach dem Heinrichskloster hinab, befiehlt er den Männern. Diese heben ihre Last auf und entfernen sich.

Darauf wendet er sich an mich. Herr Burgemeister, sagt er mit jener Gelassenheit, die ihn auszeichnet, solchermaßen bewältigt man rebellische Priester. Der Fürst muß immer Herr bleiben in seinem Lande. Er dient allein dem Höchsten, nicht der Kirche. Diese ist ihm untertan. Lasset alle wissen, was Ihr hier gesehen, und tut der Einwohnerschaft kund, daß morgen abend neun Uhr der erste lutherische Gottesdienst im Dom von unserem wackern Herrn Jonas abgehalten wird. Sobald heute die Stunde schicklich, teilen wir diesen herzoglichen Willen dem Amtmann mit.