Am nächsten Morgen hatten sich der Burgemeister und die Ratmannen zu der vom Amtmann anberaumten Stunde auf dem Heinrichsplatz eingefunden. Die Ursache des Zusammenkommens war eine langjährige Streitigkeit. Während der Abt der Franziskaner behauptete, nach alten Abmachungen dürfe die niedrige Mauer des Friedhofs um zwei Ellen in den Frauenmarkt hineingerückt werden, machte die Stadt geltend, die Verbreiterung des Kirchhofes wäre früher wohl einmal erwogen worden, doch seien die Verhandlungen hierüber auf halbem Wege steckengeblieben. Die Klosterverwaltung hätte ihre Gegenentschädigung so verklausuliert, daß der Rat die Sache habe fallen lassen. Jetzt vorgebrachte Zeichnungen seien Entwürfe, wie es damals geplant war. Zum Abschluß der Unterhandlungen wäre es jedoch nicht gekommen.

Unter den Versammelten herrschte das Vorgefühl von Siegesbewußtsein. Zwar hatte das Kloster erhebliche Anstrengungen gemacht, die Rechtmäßigkeit seiner Forderung zu beweisen. Aber die Urkunde über den Abschluß beizubringen, war den Kuttenträgern nicht gelungen. Und der bestimmte Ton ihres Begehrens hatte die Stadtväter arg verschnupft. Freundlichen Bitten hätte man wohl das Ohr geliehen. So aber blieb der Rat kühl und bestand auf Vorweisung des Dokuments.

»Gebt wohl acht, Freunde, wie sich der Amtmann gebärden wird,« rief Niclas Anesorge den Ratmannen zu. »Der ist bekanntlich gut Freund mit dem Kloster. Freilich, – die Schwarzen halten zusammen.«

»Meinst du, daß Miltitz seinen Freunden zuliebe Recht bräche?« warf Siegmund Badehorn, der Becherer, ein.

Der in diesen Worten klingende leise Spott ernüchterte den alten Anesorge ein wenig. Er lachte verlegen auf und erwiderte:

»Na, Gevatter, du weißt ja, Wachs ist biegsam. Es kommt darauf an, wie man's knetet.«

»Und wer es in Händen hat,« brummte Peter Sorgenfrei.

Der verbissene Streitkopf ward ärgerlich.

»Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus!« rief er.

»So ist es, Anesorge hat recht,« bestärkten Claus Haßbecher und Christoph Pfluger wie aus einem Munde.