Georg Waltklinger blickte teilnahmlos auf die Sprechenden. Da gab ihm einer der Burgknechte ein Zeichen, worauf er in ihrer Mitte nach dem nahen Turm schritt. Und alle Anwesenden gaben ihm das Geleit.
Siebzehntes Kapitel
Das Geheimnis
Die Kunde von der Gefangennahme Waltklingers war wie ein Lauffeuer durch die Stadt geeilt. Jeder, der das Unglück vernahm, blieb stumm vor schmerzlicher Überraschung. Meißens Burgemeister in strenger Haft! Und angeklagt eines Majestätsverbrechens! Das war eine niederschmetternde Nachricht. Georg Waltklinger, der stolze Bürger und hochgeschätzte Burgemeister der Stadt Meißen, in der Fronfeste! … Mancher schüttelte den Kopf und wollte nimmer daran glauben.
Nachdem der erste Schrecken vorüber war, besprach man den Vorfall mit seinen Ursachen und Folgen. Es gab deren, die dem Amtmann die ganze Schuld beimaßen. Wie könne es denn auch für Recht gelten, alte Unterhandlungen als gültig anzusehen, ohne daß eine ordentliche Schrift sie beglaubige. Ein solches Geschäft wäre erst dann richtig, wenn man etwas Geschriebenes in Händen habe.
Die Zeichnung mit den wenigen zustimmenden Worten des früheren Burgemeisters genüge nicht. Der verstorbene Gottlieb Kühne, – du lieber Gott, er war ja ein ganz tüchtiges Stadtoberhaupt gewesen. Aber schließlich, zu der Zeit, aus der die Unterschrift stammte, war er schon ein alter Mann und sein Geist nicht mehr frisch. Deshalb mochte er auch vergessen haben, nachträglich für eine richtige Urkunde zu sorgen. Was er da geschrieben, sei seine Meinung gewesen. Ob aber der gesamte Rat damit einverstanden war, wo stand denn das?
So sprachen welche und versuchten, sich gegenseitig von der Richtigkeit ihrer Ansicht zu überzeugen. Innerlich glaubten sie diese Rede aber nicht. Der alte Anesorge lief von einem zum andern, hielt seine Opfer eine halbe Stunde auf der Gasse am Rockknopf fest oder brachte sie daheim in der Werkstatt um unziemlich lange Zeit. Er wetterte und schimpfte gegen die Pfaffen, die die ganze Zeichnung gefälscht hätten, und gegen den Amtmann, der daran zweifle, wenn Waltklinger sage, die Abtretung sei nicht gültig.