»Nicht jetzt. Die Erinnerung an die häßliche Stunde ist noch zu frisch. Ich bin besorgt, der Ton meiner Stimme möchte die Herzlichkeit meiner Worte mindern.«

Da wurde die Frau weich.

»Ihr verdient Dank! Aber welcher edle Mensch tut das Gute nur halb, wenn er es ganz verrichten kann?«

»Später einmal, verlaßt Euch darauf!«

»Jungfrau,« erwiderte die Bittende ernst, »sagt nicht: später. Es würde sicher zu spät sein! Denn das Leben meiner Tochter währt nur noch Stunden …«

Der wehmutsvolle Zug in Sonnhilds bleichem Gesicht trat schärfer hervor, als sie mit unsäglicher Ergebung antwortete:

»Gute Frau, auch ich stehe an der Schwelle zur Ewigkeit. Ihr kennt sicherlich das furchtbare Schicksal, das uns betroffen, und dessen zermalmende Ungewißheit vielleicht schon tötet, bevor der Richtspruch fällt. Der Trostlose vermag nicht, Trost zu spenden. Kehrt deshalb rasch heim zu Eurer Tochter, damit sie keine Minute ihrer letzten Stunden der mütterlichen Liebe entbehre.«

Und als Sonnhild wahrnahm, wie es in dem strengen Gesicht der Frau arbeitete, fügte sie, um ihr Tröstung zuzusprechen, hinzu:

»Euer Kind ist reich gegen mich Arme, denn sie hat noch eine Mutter. Vielleicht auch den Vater …«