»Was darf ich Mirjam ausrichten, Jungfrau?«
Eine bange Sekunde verstrich, dann klang es leise von Sonnhilds zuckenden Lippen:
»Ich komme …«
Erst geraume Zeit darauf, als die Frau das Zimmer verlassen hatte, richtete sich Sonnhild auf und ging in ihr Zimmer zurück. Hier setzte sie sich wieder in den Armstuhl und stützte den Kopf in die Hand. –
Wollte der Boden, auf dem das väterliche Haus stand, denn nicht wanken?
Sonnhild überdachte ihr junges Leben. Die zartesten Erinnerungen an die verstorbene Mutter stiegen herauf, und sie entsann sich, ach, wie vieler Gelegenheiten, wo sie die Liebe und unerschöpfliche Güte ihres Vaters warm empfunden hatte. Ihr Leben war heiter und sonnig gewesen, wie ein köstlicher Frühlingstag. Kein Wunsch war ihr versagt geblieben. Und sie hatte ihren Vater von ganzer Seele wiedergeliebt. Als sie aus den Kinderjahren getreten, war sie stolz auf ihn gewesen, weil er so hohe Verehrung genoß und weil alle stolz auf ihn waren.
Sie kannte sein weiches Herz und wußte, daß fremde Not ihm näher ging, als eigene. Wieviel Gutes tat er nicht heimlich! Was für ein wahrhaft gläubiger Christ er war, und mit welch tiefer Liebe er an seiner unersetzlichen Heimgegangenen hing! Seine Rechtschaffenheit in Handel und Wandel, seine hohen Ehrbegriffe, sein Streben nach Erfüllung edler Menschlichkeit …
Sonnhild verfiel in tiefes Sinnen. Noch nie hatten ähnliche Gedanken sie bestürmt wie in dieser Stunde. Ein lichter Funke war in ihre Seele gefallen, und sie prüfte und urteilte mit dem Verständnis eines gereiften Menschen. Das schwere Geschick hatte ihr geistiges Auge sehend gemacht. Sollte sie verweilen? Sicherlich war viel Schmerz und Weh bereitet worden! Aber das leuchtende Bild des Vaters ließ sich nicht aus ihrer Seele verdrängen. Wie oft mochte auch an seinem Herzen bittrer Schmerz genagt haben!
Das Mädchen sprang auf, eilte zu dem Wandbrett, riß das Bild des Vaters herunter und küßte es mit Inbrunst.